„wolf unter wölfen“
ein offener brief von sascha hawemann

Nach seiner jüngsten Premiere – Falladas „Wolf unter Wölfen“ am Schauspiel Hannover – hat Regisseur Sascha Hawemann einen offenen Brief an die Theaterkritiker und -kritikerinnen geschrieben. Eine Anregung, darüber zu streiten, was Theaterkritik sein kann und soll; ein Aufruf zum respektvollen und offenen Umgang miteinander und ein Plädoyer für die Liebe zum Theater und zur Schauspielkunst. Und hier ist er:


Man erwartet, erhofft vom Rezensenten eine fundierte, objektive und kritische Auseinandersetzung mit dem gesehenen Theaterstück, basierend auf der Kenntnis des Romans bzw. Textes, ästhetischem, politischem sowie philosophischen Wissens und Wirkens. Ganz zu schweigen von der Schauspielkunst, ohne die das Theater nicht existent wäre.

Von Schauspielkunst ist bei den meisten Rezensionen nichts zu lesen und wenn dieser lange Abend eine objektive Qualität hat, dann ist es sein Ensemble. Darüber kein Wort, aber warum? Die Schauspieler transportieren alle Inhalte, erzählen den Stoff als Ensemble (eine inhaltliche Setzung, wichtiges Kriterium der Romanbearbeitung und keineswegs numerische Besetzungsmechanik) – allein der Auftakt als Chor und dessen spätere Auflösung im Stückverlauf weisen darauf hin.

© Sascha Hawemann

© Sascha Hawemann

Dem Abend wird die Länge vorgeworfen, keine der bisherigen Fallada Bearbeitungen (vor allem die Bearbeitungen, des von mir sehr verehrten Kollegen und Meisters Luk Perceval) waren kürzer als 4-5 Stunden, das ist vor allem dem Respekt gegenüber dem literarischen Werk Falladas und seiner handwerklichen Präzision geschuldet. Massivere Kürzungen würden in Reststücken und Bearbeitungsruinen resultieren. Was hätte man geschrieben, bei einer Spieldauer von 90min, was hätte man in 90min erzählen können? Einen langen Atem braucht man dann doch. Beim Proben und beim Zusehen. Keiner der Rezensenten wollte einen Blick in die 89 Stückseiten von 1200 Romanseiten werfen, sich orientieren was verändert wurde,verdichtet, umgestellt und neugedichtet. Des weiteren ist durch die gewollte heterogene und komödiantische Spielweise (die ein innertheatrales Zeichen für die Haltlosigkeit des historischen Momentes sein sollte) bestehend aus emotionaler Intensität, Theatralität und Bildhaftigkeit in Wort und Tat eine Dynamisierung des Stoffes geschaffen worden, so dass ich persönlich eher Überfülle und Überforderung, denn Langeweile als Problem des Abends sehen würde. Aber vom Entschlüsseln und Enträtseln der Überfülle leider keine Spur. Ich lese eine Meinung, woraus sie resultiert kann ich dem geschriebenen Worten leider nicht entnehmen. Das ist bedauerlich.

Auffällig ist auch, dass Vorgänge und Bilder meist nur in einer Wirkungsfolge gelesen werden, die Mehrdeutigkeit und Kontextualisierung, die Dialektik der Zeichen außer Acht gelassen wird:
„Das Hakenkreuz“ wird als solches beschrieben, jedoch nicht, dass sich im Inneren eine Bibliothek befindet, noch dass die Darsteller sich hineinbegeben um die Innenwände zu beschreiben, noch dass der Schlusstext von Pagel und Petra begleitet wird vom Kratzen der Stifte an der Wand, der Schlusstext sozusagen literarisch orchestriert wird. Ignoriert wird auch, dass ein Großteil des Ensembles vor dem Betreten des Hakenkreuzes sein „Figurenleben“ beendet hat und sich fast mit Gleichmut, bzw. Professionalität eines Vernissagedauergastes dem Kunstneonhakenkreuz nähert.

Eine Liebesszene von Pagel und Violet spielt vor einem roten Vorhang, zwei Kunstbäume und ein rauchender Schlot bieten einen mehrfach lesbaren Raum und ein weiteres Beispiel für Mehrfachdeutung des Spiels/der Semiotik im Spiel: einer simulierten arrangierten Liebesszene, flankiert von einem Leutnant in dessen Rücken pubertätes Tun seinem „völkischen“ Warten entgegenspricht. Der Grundvorgang des Desillusionierens wird durch Kunstillusionismus, der emotionalen Mechanik zwei entfremdeter Menschen geschaffen, die zuvor von der Mutter aufgefordert werden, dem ewigen Spiel konventioneller Geschlechtermechanik Folge zu leisten. Dieses Bild sowie viele andere wurde gar nicht erwähnt, nicht einmal als signifikantes Beispiel, weil die limitierten Zeilen keinen Platz mehr lassen.

Mein alter Regieprofessor sagte: Deine Bilder müssen vielschichtig sein, der Zuschauer Lust bekommen ein zweites Mal zu kommen, deine Schauspieler sollen wahrhaftig und lustvoll im Spiel sein, allen Bildern und Ideen Leben schenken, der Text muss sein notwendiges Sein durch politische und literarische Relevanz zur Gegenwart, deiner Wirklichkeit bestätigen.

Ich wünschte mit mehr Zeit beim Vorbereiten und Einstellen auf einen Theaterabend. Ich wünschte mir mehr Liebe gegenüber dem Schauspieler, gehen Sie davon aus, dass wir achtungsvoll und voller Demut unsere Kunst betreiben. Ich wünschte mir mehr Kultur und Achtung im beiderseitigen Umgang miteinander.

Sascha Hawemann


Für uns hat franzjakk die Premiere gesehen – hier gehts zur » reihesieben-Kritik. Die nächsten Gelegenheiten, sich an eigene Deutungen zu wagen, bieten sich am 23. und 30. Januar sowie am 3., 19. und 26. Februar am Staatsschauspiel Hannover.