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zweimal shakespeare magisch und figürlich im westflügel

Zu den Orten, die nur selten im Fokus der Öffentlichkeit stehen, an denen aber die Magie des Theaters immer wieder erlebt werden kann, gehört der Lindenfels Westflügel. Im Januar bot sich dort die Gelegenheit, zwei Produktionen des Figurentheaters Wilde & Vogel zu erleben, die schon seit einiger Zeit im Repertoire sind. Es sind zwei Inszenierungen, die auf Stücken von Shakespeare beruhen, mit diesen Texten aber auf eine ganz eigene Art umgehen.

große oper: konwitschny mit müller & dessau in thüringen

Für Leipziger Opernfreundinnen und Opernfreunde gab es 2019 gute Gelegenheit, Inszenierungen von Peter Konwitschny im Bühnenbild von Helmut Brade zu sehen, ohne weit reisen zu müssen. Bei den Händelfestspielen in Halle hatte Händels „Julius Cäsar in Ägypten“ Premiere – eine sehr sehenswerte Arbeit, die weiterhin im Spielplan der Oper Halle steht. Der eigentliche Knüller aber ereignete sich in Thüringen. In einer Koproduktion der Theater Weimar und Erfurt kam Paul Dessaus „Lanzelot“ auf die Bühne, ein Werk, das 1969 uraufgeführt wurde, seit 1972 aber nicht mehr zu sehen war.

zu kurz gesprungen, hase – die neue schauspiel-komödie kann nicht so recht überzeugen

Dass das hier wohl nicht nur ein lockerleichter Boulevard werden soll, sieht man auf den ersten Blick. Dafür hat das Zuhause der Familie Dowd, das sich später in ein Sanatorium (und zurück) verwandelt, eindeutig schon bessere Tage gesehen: die Oberlichter sind verdreckt und lassen nur noch diffuses Licht ein, Laub weht über den Boden, an den Wänden bröckelt der Putz. Und auch sonst scheint etwas nicht zu stimmen mit diesen Räumen, die – unbemerkt von den Figuren in Mary Chases Komödie – ganz eigene Rollen spielen. Leider ist das aber auch schon ziemlich das Interessanteste in der Inszenierung Mein Freund Harvey am Schauspiel Leipzig.

schwarzes gold und schwarze lunge – kroesinger untersucht die kohlegeschichte und -gegenwart der region

Wie Bewohner einer entfernteren Zukunft kommen sie in den Tagebau, der in der Diskothek des Schauspielhauses eher an einen lang gestreckten Stollen erinnert. Die sechs Spieler rollen ein auf den Schienen, wie sie einst dem Kohleabtransport dienten, in weißen Overalls, sich neugierig umblickend: was haben die Generationen vor ihnen hier in und mit der Erde gemacht? Am Freitag hatte Brennende Erde Premiere – in seinen stärksten Momenten stellt der Abend die richtigen Fragen und macht das Braunkohle-Drama der Region tatsächlich erfahrbar.

die nachwelt wird’s schon richten – schernikau ist bei stefan pucher nur bedingt volksbühnentauglich

„Ein Exzess“ sei dieses Buch und eine „Überforderung auf allen Ebenen“, schreibt Jasper Nicolaisen im letzten Oktober im Neuen Deutschland anlässlich der Neuauflage von Ronald M. Schernikaus legende. „Es ist dick. Es ist maßlos. Es ist alles reingeschrieben, was sein musste. Es ist komisch gesetzt. Es geht alles durcheinander. (…) Es spielt in den 80er Jahren, aber ohne Retrochic.“ Nun, das meiste davon ist Stefan Puchers 3,5 Stunden Inszenierung an der Berliner Volksbühne schon mal nicht. Eher im Gegenteil. Der roman-unkundigen Rezensentin macht es dennoch Lust aufs Lesen und eventuelle weitere Bühnenversuche.

tief im dunklen (deutschen) wald

Kurze Hosen, blinde Flecken, tückisches Dickicht und Jörg Hartmann als Lehrer auf schwer passierbaren Um- und Abwegen: An der Schaubühne Berlin zeigt Thomas Ostermeier Ödön von Horvaths Jugend ohne Gott als gleichzeitig heutiges und doch aus der Zeit gefallenes Gesellschaftsbild.

kommen’s, hier zieht es so grausam

Jürgen Kruse ist zurück und inszeniert in der Kammer des Deutschen Theaters einen Totentanz nach der Sperrstunde – irgendwo zwischen vorletztem und letztem Ort und mit allem Horvathschen Kleine-Menschen-Elend. Bsiweilen gerät das ein wenig zu unentschlossen und routiniert, in den besten Szenen aber ist es von theatermagischer Kraft. In der Mitte des düsteren Reigens dreht sich Linda Pöppels trotz besseren Wissens liebende, glaubende und hoffende und dabei ganz und gar betörende Elisabeth.