auswärts in wien – iphigenie in aulis/ occident express im volkstheater

Eine frische Stimme aus Wien: Nina, Studentin der Theaterwissenschaft in Leipzig, ist zur Zeit in der Melange-Metropole und Gelegenheit, dort Theater zu schauen. Am Volkstheater hat sie die Spielzeiteröffnung gesehen und für uns beschrieben:

Die künstlerische Direktorin des Volkstheaters – Anna Badora – selbst hat Iphigenie in Aulis/Occident Express inszeniert. Der etwa dreistündige Abend kombiniert die griechische Tragödie von Euripides und das moderne Stück von Stefano Massini.

Zuerst gibt es die antike Tragödie des Heerführer Agamemnons, der mit tausenden, kriegswütigen Männern gegen Troja ziehen will. Das Heer wird jedoch von einer Windstille im Hafen von Aulis festgehalten. Der Wind könne das Heer erst aus dem Hafen bringen, wenn Agamemnon der Göttin Artemis seine Tochter Iphigenie opfere, so die Prophezeiung. Agamemnon (Rainer Galke) plagt zwar der innere Konflikt, doch beschließt er letztendlich, Iphigenie zu opfern und dies vor seiner Frau Klytaimnestra (Anja Herden) geheim zu halten. Aber ach, natürlich fliegt der Plan auf. Am Ende opfert sich Iphigenie (Katharina Klar) selbst für Griechenland.

© www.lupispuma.com / Volkstheater

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Wie ist das nun auf die Bühne gebracht? Die Schauspieler sind allesamt stark. Rainer Galke zeigt seinen Agamemnon zerissen zwischen der Stärke des Heerführers und der Angst, die Tochter zu verlieren. Katharina Klar versucht mit überzeugendem Überlebensinstinkt, die Vaterliebe zu wecken und dem Tod zu entgehen, bis sie schließlich – erwachsen und selbstbestimmt – ihr eigenes Ende beschließt. Und Anja Herden ist eine klare und sehr kraftvolle Klytaimnestra.

Die Bilder, die die Regisseurin dazu findet, sind dagegen eher nicht sehr gewaltig: Agamemnon watet auf riesigen Plateauabsätzen durch einen bühnenfüllenden Teich mit knöchelhohem Wasser. Wasser, das thematisch passend, von keinem Wind gekräuselt wird. Darin und drumherum Iphigenie und Klytaimnestra in Abendkleidchen, griechische Kämpfer, die mit freiem Oberkörper  und in Gummibadeschuhen durch das Wasser spritzen. Quasi als moderner antiker Chor tauchen immer wieder Mädels in durchsichtigen Kleidern auf, die sich Helena nennen und – beinahe wie Groupies – in einem gleichstimmigen Singsang ihren Text ins Publikum rappen.

Gen Ende des ersten Teils dann doch ein starkes Bild: Auf Iphigenie geht eine Blutdusche herab, sie wird damit symbolisch geopfert. Schon im nächsten Moment springen bedrohlich wirkende Windturbinen an. Die Prophezeiung ist erfüllt und die Männer können in den Krieg ziehen. Aber statt des befreienden Sturms, der die ersten Reihen im Parkett wegbläst, erhebt sich hier nur laues Lüftchen als Lohn für den Tochtertod. Dann: Pause.

Spätestens jetzt wird klar, dass beide Stücke nicht verschränkt, sondern lediglich aneinandergereiht werden. Stefan Massinis Occident Express ist der Monolog der alten Frau Haifa, die im Jahre 2015 gemeinsam mit anderen Flüchtlingen vom Irak in den Norden Europas flieht. Auf der Bühne stehen vor und im nun wasserleeren Teich dieselben Schauspieler – jede/r von ihnen ist ein anderer Teil Haifas. Anstatt Abendkleider und Kriegsausrüstung tragen nun alle den gleichen Trainingsanzug und berichten – sich ergänzend und gegenseitig unterbrechend – ihre Fluchterlebnisse. Großartig, wie das Spiel der ganz unterschiedlichen Spieler am Ende ein stimmiges Personenbild ergibt!

Während sie erzählen, deuten sie Bilder an: Henriette Thiemig spricht davon, wie sie mit Öl beschmiert durch ein Rohr kriechen muss, dabei finden sich die restlichen sechs Schauspieler in einem engen Glaskasten wieder und werden mit schwarzer Farbe übergossen. Im Großen und Ganzen ist der Stoff ist sonst eher sparsam bebildert, so dass sich die Geschichte entfalten und Wirkkraft gewinnen kann und dem Zuschauer viel Raum für die eigene Einbildungskraft bleibt.

Eine gute Idee, den Krieg aus zwei entgegengesetzten Perspektiven zu beleuchten: Die einen warten darauf, endlich in die Schlacht ziehen zu können, koste es was es wolle. Die Anderen müssen vor den Kämpfen aus der Heimat fliehen. Den antiken Soldaten sind moderne Menschen entgegengesetzt, die nichts mehr außer ihren Namen besitzen.

Ein wenige schade ist es hingegen, dass die Stücke lediglich hintereinander gespielt und so die Nähe der beiden Stoffe zwar denk- und nicht unbedingt neu erfahrbar wird. Nach drei Stunden Spieldauer sind die Zuschauer dann auch fast zu geplättet für einen kräftigen Schlussapplaus …


» Iphigenie in Aulis/ Occident Express
Volkstheater Wien. Regie: Anna Badora, Bühne: Damian Hitz, Kostüme: Irina Bartels, Musik: Klaus von Heydenaber, Choreographie: Jasmin Avissar, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Anita Augustin. Es spielen: Rainer Galke, Anja Herden, Lukas Holzhausen, Katharina Klar, Sebastian Pass, Henriette Thimig, Jan Thümer, Nadine Quittner, Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich, Simon Stadler-Lamisch/Nikolaus Baumgartner


Nina lebt seit vier Jahren in Leipzig und studiert hier Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. In diesem Herbst ist sie Regiehospitantin am Volkstheater in Wien und stürzt sich auch sonst ins kulturelle Leben der Stadt. Auf reihesiebenmitte.de wird sie von ihren Erlebnissen berichten.