die bude fällt sowieso bald auseinander – zwischenlese: castorfs solness an der volksbühne

Das Stück wäre durchaus geeignet, um die Bilanz einer mehr als 20jährigen Intendanz zu ziehen. So richtig ernst hat der Regisseur diese Idee aber nicht genommen. Viele der Anspielungen auf die Situation der Volksbühne dürften erst nach der Premiere hinzugekommen zu sein, denn im Mai 2014 ahnte noch niemand, dass die Ära Castorf 2017 endet. Da dem aber wohl so ist … fix nochmal nach Berlin!

„Baumeister Solness“ ist ein Stück aus der späten Schaffensphase Ibsens, entstanden 1892, da war Ibsen 64. Als Frank Castorf das Stück vor etwa zweieinhalb Jahren an der Volksbühne inszenierte, war er 62. Halvard Solness ist ein Mann in den besten Jahren mit einem gut laufenden Architekturbüro, der sich aber mit dem Gedanken, in der Zukunft von einem jüngeren Architekten abgelöst zu werden, nicht anfreunden kann. Ibsen, so heißt es in Interpretationen, soll sich selbst in der Figur des Solness spiegeln.

So liegt der Gedanke nahe, dass auch Frank Castorf sich dafür interessierte, was passieren würde, wenn aus Solness der Theaterintendant Frank wird. Das Stück wäre durchaus geeignet, um die Bilanz einer mehr als 20jährigen Intendanz zu ziehen. So richtig ernst hat der Regisseur diese Idee aber nicht genommen. So ist es ein sehr amüsanter Abend geworden, der viele Anspielungen auf die Situation der Volksbühne enthält. Manche davon scheinen auch erst nach der Premiere hinzugekommen zu sein, denn im Mai 2014 wußte noch niemand, daß die Ära Frank Castorf an der Volksbühne im Jahr 2017 enden soll.

Im Bühnenbild von Bert Neumann gibt es diesmal keine Videoleinwand. Wir sehen einen zweigeteilten Raum, links eine Küche, rechts ein holzgetäfeltes Zimmer, dass eine Ähnlichkeit mit dem Intendantenbüro der Volksbühne aufweisen soll. Passenderweise wird Marc Hosemann als Solness bzw. als Frank im Laufe des Abends öfters nach der realen Castorf-Sekretärin Elke Becker rufen bzw. mit ihr telefonieren.

Die erste Reihe ist bereits besetzt, als das Publikum den Saal betritt. Hier sitzt in dutzendfacher Ausführung der langjährige Castorf-Protagonist Henry Hübchen. „Ach Henry, es war so schön mit Dir!“ wird Kathrin Angerer im Laufe des Abends sagen. Den ersten Auftritt aber haben zwei damalige Volksbühnendebütanten: Jeana Paraschiva  und Daniel Zillmann. Zillmann beeindruckt mit einer Doppelrolle (als Ragnar Brovik, Zeichner im Architekturbüro, und Aline Solness, Frau des Baumeisters) und ist mittlerweile (nach „Brüder Karamasow“ und „Leben des Herrn Moliere“) zum Stammspieler geworden.

Ibsens eigentliche Geschichte, in der es vor allem um das Verhältnis von Solness und Hilde Wangel (Kathrin Angerer), einer jungen Frau, der Solness einst ein Königreich versprochen hat, geht, tritt zugunsten vielfältigster Anspielungen auf Frank Castorf und seine Volksbühne etwas in den Hintergrund. Mancher Kalauer, der für Heiterkeit sorgt, ergibt sich noch aus dem Stücktext (Saumeister Bolness; Braumeister, was soll‘n das), anderes hat mit Ibsen nichts zu tun. Da wird Fritz Rödel erwähnt, der in den 80er Jahren Volksbühnen-Intendant war, außerdem viele Künstler des Berliner Theaterlebens, die nun schon nicht mehr leben (der Heiner, der Einar, der Christoph, der Mitko, der Jürgen, die Maria, die Bärbel, der Bert …). Hosemann und Angerer besteigen zur Erkennungsmelodie der Rumpelkammer das Dach des Intendantenzimmers und kommentieren wie einst Willi Schwabe alte Filme. Als dabei ein Loch in die Zimmerdecke gerissen wird, heißt es „Die Bude fällt sowieso bald auseinander.“

Die Henry-Hübchen-Puppen kommen exzessiv zum Einsatz. Bevor sie auf der Bühne allerhand auszuhalten haben, schreitet Hosemann die Front der 1. Reihe ab und glaubt, hier nicht nur Herny Hübchen, sondern auch andere Schauspieler zu erkennen, u.a. Dieter Bellmann – eine besondere Freude für Solness, der Fan der Serie „In aller Freundschaft“ ist. Allerdings merkt er in diesem Zusammenhang auch an: „Das Theater in Leipzig hat es immer schwer gehabt. Der Sebastian, mein Freund, kann ein Lied davon singen.“ (und der Schreiber dieser Zeilen kann das bestätigen).

Bei Ibsen wird erwähnt, dass Solness sich Baumeister und nicht Architekt nennt, weil er den Beruf des Architekten nicht gelernt hat. Passend dazu wird darauf verwiesen, dass ja auch der Frank kein „richtiger Regisseur“ ist. Hilde findet trotzdem „die Berentung zu früh“. Doch als am Ende der Baumeister in den Tod gestürzt ist, ist es Hilde, von der es heißt, sie würde jetzt gern den Nachfolger von Frank kennenlernen. Sie muss sich vorhalten lassen, dass sie ja gar keine Achtung vor „unserem Baumeister“ mehr hätte. Ein  Vorwurf, den man dem Publikum nicht machen kann: ausverkauftes Haus, minutenlanger Beifall, der die Schauspieler immer wieder auf die mit Kunstoffbällen und Hübchen-Puppen übersäte und deshalb schwer zu begehende Bühne zwingt, und schließlich viel Gedränge am Devotionalienstand, wo Volksbühnen-T-Shirts weggehen wie warme Semmeln.


» Baumeister Solness
Henrik Ibsen. Regie Frank Castorf. Volksbühne Berlin.
Mit: Marc Hosemann, Kathrin Angerer, Volker Spengler, Daniel Zillmann, Jeana Paraschiva und Mex Schlüpfer

Nächste Vorstellung am Freitag, 6. und 21. Januar 2017