ein weisser flügel gegen die barbarei

Lars-Ole Walburg will mit Im Westen nichts Neues am Schauspiel Hannover den Krieg und seine Folgen nicht neu bebildern. Das tut er am Ende aber doch – mit einer sinnfälligen, sich aber zu rasch erschöpfenden Grundidee, kübelweise Farbe und einem tollen Ensemble.

Hier gibt es gleich Krieg? Die Zuschauer empfängt ein großbürgerlicher Salon – beinahe ein Ballsaal – leer;  bis auf einen weißen Flügel in der Mitte. Leer ebenso die unzähligen Bilderrahmen an den Wänden. Natürlich bleiben weder Raum noch die weißberobte Pianistin lange sauber und rein, wenn der Intendant zur Saisoneröffnung Erich Maria Remarques Anti-Kriegs-Klassiker auf die Bühne bringt.

Im Westen nichts Neues. Schauspiel Hannover. Foto: Katrin Ribbe

Im Westen nichts Neues. Schauspiel Hannover. Foto: Katrin Ribbe

Die Geschichte von Paul Bäumer und seinen Kameraden, die von der Schulbank begeistert ins Feld ziehen, ist längst Teil unseres kulturellen Kanons. Und für diese Geschichte von Krieg und Tod findet Walburg starke Bilder: Wenn hier die Farbschlacht den Raum unbewohnbar macht wie dort der Krieg unerbittlich das, was den Menschen zum Menschen macht, bis in den allerletzten Winkel zerstört. Wenn Katja Gaudard als Pianistin nach jedem Farbbombenangriff aufs Neue versucht, mit ihren Melodien eine andere, bessere Zeit zu behaupten. Wenn die fünf Kameraden sich unter dem Flügel vor dem Granatenhagel verbergen, als könnten letztlich nur noch Kunst und Kultur das letzte bißchen Menschsein beschützen.

Walburg hat großartige Schauspieler dafür. Die fünf jungen Männer – Nicola Fritzen, Dominik Maringer, Jonas Steglich, Daniel Nerlich und Jakob Benkhofer – spielen einzeln so stark wie als Gruppe eindringlich, tanzen ein absurdes Ballett, zischen im Chor, arbeiten sich an nicht immer explodierenden Farbbomben und  zu Latrinen werdenden Farbeimern ab, zerfleischen ein Ferkel, ringen mit- und sterben nacheinander. Dabei beobachten sie beinahe distanziert und ungläubig die voranschreitende Verrohung der hoffnungsvollen, jungen Primaner und kommen der Angst und der Verzweiflung, dem Überlebenswillen und dem Galgenhumor der Remarqueschen Figuren verdammt nah.

Das Leben, das mich durch diese Jahre trug, ist noch in meinen Händen und Augen. Solange es da ist, wird es sich seinen Weg suchen.

Vorsicht, Sie müssen kurz aufstehen, sonst mach ich Sie dreckig … sagt Jonas Steglich als Fronturlauber Paul Bäumer, der farbverschmiert unterwegs zu einem kleinen Podest das Publikum vor möglichen Schäden an der Abendgarderobe warnt. Bevor er von der Unmöglichkeit der Rückkehr ins Leben erzählt. Ein Fall aus der Rolle und gleichzeitig auch keiner, wird doch dem Heimkehrer geraten, den Kriegsdreck tunlichst im Schützengraben zu lassen. Und: eine der stärksten und verstörendsten Szenen des Abends.

Verstören indes, wehtun, das vermag die Inszenierung leider zu selten. Schwarze und rote Farbe – Blut und Dreck; der unsichere Boden, der keinen Halt gibt und auf dem buchstäblich bald nur noch Schlittern und Rutschen möglich ist; ein gefallener Kamerad nach dem anderen …  All das ist erzählerisch stimmig und es berührt. So einfach und klar die Bilder aber sind, so rasch erschöpfen sie sich.

Im Westen nichts Neues. Schauspiel Hannover. Foto: Katrin Ribbe

Am Schauspiel Hannover sind die, die hier hindurchtreten, den irdischen Qualen entronnen. Foto: Katrin Ribbe

Was Krieg, was Gewalt und ständige Todesnähe aus einem Menschen machen, das können wir nicht nachempfinden. Um einiges spannender wäre es doch, dieses Unbegreifliche auch auf der Bühne zumindest ein stückweit unbegreiflich zu lassen.

Im Westen nichts Neues ist ein sehenswerter Abend mit einem großartigen Ensemble. Ein wichtiger Abend, unfraglich, in Zeiten, in denen Kriege jederzeit medial ins Wohnzimmer kommen und dennoch oder gerade deshalb abstrakt und Opfer und Täter anonym bleiben. Ein wirklich großer Theaterabend aber gelingt so nicht.

Per Aspera ad Astra – Durch das Raue zu den Sternen – steht als Motto über dem Bühnenportal. Über das doch sehr platt geratene » Feel-Good-Motto der anschließenden Premierenfeier schweigt der Kritiker an dieser Stelle ein wenig betreten.


» Im Westen nichts Neues
Schauspiel Hannover, wieder am 28. September, 4., 11., 17. und 24. Oktober