große one-man-show, kräftiger sturm und eine bunte feenkönigin – theaterausflug ans schauspiel stuttgart

Ein Manuel-Harder-Solo, der „Sturm“ vom Chef daselbst inszeniert, eine Shakespeare-Schauspiel-Opern-Premiere und das alles an einem Wochenende – mehr als nur Grund genug für eine weite Fahrt. Das reihesieben-Theaterreisetagebuch berichtet …

Das Stuttgarter Theaterwochenende startet am Freitagnachmittag im NORD, das gerade mit einem Festival mit vielen vielen Veranstaltungen, Konzerten, Lesungen, Spaziergängen, Party und und und das Viertel im Stuttgarter Norden fröhlich überfordert.

um mich geht es hier schon lange nicht mehr
die anmaßung von carsten brandau

Auf der NORD-Bühne steht der Schauspieler Manuel Harder und zwar als Figur Manuel Harder. Nur in Gesellschaft zweier Flamingos, eines Panthers und den übergroßen Buchstaben M A N U E L  H A R D E R. Also allein mit dem Text und mit uns.

Wir sehen: Manuel Harder. Als Manuel Harder © Julian Marbach

Wir sehen: Manuel Harder. Als Manuel Harder © Julian Marbach

Es beginnt ein vielschichtiges und forderndes, ja ein verwirrendes „Er-nicht-ich“-Spiel; eine intensive Zwiesprache zwischen dem Spieler und der Figur Harder, dem Autor und dem Spieler Harder, der Figur Harder und dem Publikum. Es tut sich ein Spiegelkabinett der Seele auf, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart, Geschehenes und Eingebildetes immer neu ineinander verzerren und in dem es alles gibt, außer der einen Wahrheit.

du wolltest mich gar nicht erkennen, du hast dich in mir gespiegelt – so war das von Anfang an gedacht

Harder tanzt über die Bühne, kickt  H, M, A, E, L, R, D, U, E, R, N und A mit Schwung herunter und kann sich natürlich doch nicht befreien, tritt auf, geht ab, schreitet, rennt und springt, flüstert, zischt, lacht, droht und wie dabei dreivierfünf verschiedene Harders zugleich durch diesen einen scheinen, verursacht mal wieder den allerschönsten Seelenmuskelkater.

Was bin ich? Wer? War ich? Und für wen? Völlig unwichtig die Frage, was hier Be- und was Zuschreibung ist. Es spiegelt sich das ganz reale Leben und zugleich diese merkwürdige Theatersituation des Aus-sich-Heraustretens und des Rolleneinnehmens, des Offenbarens und Verstellens; des Verbergens und des Gesehenwerdens.

Ein so intelligentes wie fesselndes Gedanken-Vexierspiel mit viel Seele und überraschenden Tönen – Stuttgarter, macht hinne und guckt euch das noch an: Morgen Abend ist leider schon die zunächst letzte Gelegenheit, dieses Spiegelkabinett der Worte zu besuchen.


alle teufel sind schon da
shakespeares sturm angereichert von armin petras

Samstag Abend, draußen tobt passenderweise ein ordentlicher Sturm (wie er das nur gemacht hat?), drinnen betritt die große Bühne der Schauspieler Manuel Harder: heute als diktatorischer Inselherr und dunkler Zauberer, als verbitterter Ausgebooteter und sorgender Vater, als Vertriebener und Unterdrücker – der Sturmbeschwörer Prospero.

Der sitzt nach seiner Vertreibung mit seiner ahnungslosen-ahnungsvollen Tochter, dem Erdgeist Caliban und dem Luftikus Ariel auf einer bei Shakespeare unbewohnten, bei Petras mit hölzernen Eingeborenen(statuen) bevölkerten Insel. Das hat zwar nur bedingt mit Shakespeares düsterem Märchenzauber zu tun, eröffnet aber einen ganzen Reigen eindringlicher Bezüge von Eingeborener Unschuld und Wildheit über Menschenschauen, Volkskundemuseun, Missionierung und Kolonialverbrechen bis hin zu heutigen Flüchtlingsströmen.

Und immer wieder Caliban (Sandra Gerling) © Ju Ostkreuz

Und immer wieder: Caliban (Sandra Gerling) © Ju Ostkreuz

Der Trupp Intriganten aus Prosperos Vergangenheit, den sich dieser per Sturm auf die Insel wehen lässt, demonstriert dann auch recht schön, wie der Europäer mit ähm … indigenen „Stämmen“ so umzugehen pflegt, hat auch ansonsten ein paar hübsch-komische Szenen, fällt aber doch sehr ab gegen den charismatisch-verzweifelten Inselherren, seine beiden starken, ungleichen Geister und das mit herrlich-schrägem Witz ausgestattete Pärchen Stephano und Trinculo von Peter-René Lüdicke und Horst Kotterba – die Szenen der beiden hätten glatt aus einer Sebi-Hartmann-Inszenierung entsprungen sein können.

We are such stuff / As dreams are made on, and our little life / Is rounded with a sleep.

Spaß macht es auch, dem angespülten Königssohn (Manolo Bertling) und Prosperos Tochter (Julischka Eichel) beim Verlieben zuzuschauen. Die spannendste und gelungenste Setzung des Abends aber: den Erdgeist Caliban spielt eine Frau. Und was für eine!

Sandra Gerling verwandelt ihn humpelnd und schmutzig und doch voller Willen und Kraft tatsächlich in den eigentlichen Herren dieser Insel. Schon am Anfang beweist sie trotz Handicap den längeren Atem; liefert sich mit Prospero später einen langen, stummen Kampf mit viel Körper, Farbe und ultra closer Kamera neben einer immer rasanter werdenden (Bewegt)bilderflut, die man gar nicht ganz erfassen, der man sich nur aussetzen kann und übernimmt zwischendurch zugleich aus der Rolle fallend und im-Stück-intrigierend selbst die Regie.

Am Ende sitzt dieser Caliban vorn am Bühnenrand. Ganz ruhig – nur ein wissendes und vielsagendes Lächeln umspielt seinenihren Mund, während sich hinten die inselfremde Gesellschaft endlich – back to zivilisation – langsam entfernt. Und Prospero auf der Insel zurücklässt. Denn man ahnt es schon länger: Der Geisterort, so unwirtlich er sein mag, hat sich zu tief in seine Seele geschrieben und wird ihn nicht mehr loslassen.


oper und schauspiel trennen: welten
the fairy queen in der regie von calixto bieito

Den Besuch der Fairy Queen-Premiere, diesem Mix aus Sommernachtsraum und Purcells Musik, hat sich unser bekennender Shakespeareaner Thomas Pannicke natürlich nicht nehmen lassen. Nun muss man sagen, er ist kein Operngucker und so richtig gepackt hat es ihn dann leider auch nicht. Meint er doch enttäuscht, der » nachtkritik von Verena Großkreutz (Fazit: bunt, unterhaltsam – Warum? Ach, egal) nicht viel hinzuzufügen zu haben.

Unter Sängern - Bertling und Böwe in The Fairy Queen © Julian Roeder

In den Fängen der Sänger – Manolo Bertling und Susanne Böwe  © Julian Roeder

Einen „bunten Abend mit viel Musik“ habe er gesehen, dabei die Handlung des Stückes und Schauspielerei an sich meist vermisst. „Das ging schon bei der Exposition des Stückes los: Während bei Shakespeare Lysander und Hermia in den Athener Wald fliehen, weil sie nach dem Willen von Hermias Vater nicht heiraten sollen, beginnt hier der Abend damit, dass die beiden heiraten. Die ganze Hochzeitsgesellschaft landet nur deshalb im Wald, weil die Feier eben dort stattfindet.“

Mit solchen Ungereimtheiten setze sich das Stück fort. Ach, Stück! Eine Aneinanderreihung von Musiktiteln ist’s gewesen, die sich irgendwie im weitesten Sinn um das Thema Liebe drehten. Beeindruckt war Kollege Pannicke dann aber doch noch – nicht von Puck und Oberon, nicht von Regisseur Calixto Bieito, von dem er Interessanteres erwartet hatte – sondern vom Publikum, das völlig aus dem Häuschen war und die Aufführung mit überwältigender Bravo-Dichte feierte. Warum, bleibt dem Sprechtheater-Sozialisierten schleierhaft, eine interessante Erfahrung war dieser Ausflug in die Opernwelt aber allemal ;)


» Die Anmaßung
Carsten Brandau. Regie Florian von Hoermann. Mit Manuel Harder.
Noch einmal am 5. Februar, 17 Uhr, Nord.
Wir bitten recht herzlich um ein Gastspiel in Leipzig, bitte ;)

» Der Sturm
William Shakespeare. Regie Armin Petras. Mit: Robert Kuchenbuch, Manja Kuhl, Manuel Harder, Abak Safaei-Rad, Manolo Bertling, Thomas Halle, Sandra Gerling, Horst Kotterba, Peter René Lüdicke, Julischka Eichel, Paul Grill und Stitch, dem Hund.
Wieder am 9. Februar und am 14. und 25. März, Schauspiel Stuttgart

» The Fairy Queen
von Henry Purcell / William Shakespeare. Musikalische Leitung: Christian Curnyn, Regie: Calixto Bieito.
Ein bißchen schauspielern durften: Susanne Böwe und Manolo Bertling