keiner ist eine insel? armin petras fädelt kruso am schauspiel geschickt ein

Armin Petras erzählt mit Lutz Seilers „Kruso“ eine Geschichte von zwischen Zeitfäden gefangenen Inselmenschen, von Freiheit und System, mit toten Füchsen, einem toten Land, der ewigen Suppe und voller Poesie.

© Rolf Arnold

An was für einen Ort hat es Ed hier verschlagen? © Rolf Arnold

Poetisch und einfach genial ist schon das Bühnenbild. Olaf Altmann hat einen dichten Wald aus elastischen Perlonfäden auf die Bühne gepflanzt. Nach dem ersten Wow, was für ein Bild! erweist sich das als ein ganz wunderbarer Spiel- und Assoziationsraum. Gerade-noch-sichtbare Grenzen sind das, die Licht, Gesten und Gedanken reflektieren und die Figuren – nachdem sie erst ein stückweit nachgegeben haben – nur umso gnadenloser zurückwerfen. Irre, was man da alles hinein- und wieder-heraus-interpretieren und -inszenieren kann.

In Lutz Seilers Roman „Kruso“ flüchten die Menschen aus ihrem (Fest)Land – der gerade-noch-DDR – wie die Inselbäume vor dem Wind. So auch Ed, der als Saisonkraft (SK, sprich: Esska) im „Klausner“ strandet und hier auf Kruso trifft: Abwasch-Chef, heimlicher Inselkapitän und Erschaffer einer ganz eigenen Inselwelt, deren Gemeinschaft und Geborgenheit die deutschen demokratischen Freiheitssuchenden vom Schwimmen zur dänischen Insel Møn und damit vom Tod durch Ertrinken abhalten soll.

Den Kruso spielt Anja Schneider. Und wie! Mit einer wunderbaren Hände-in-den-Hosentaschen-Selbstverständlichkeit gibt sie diesen etwas schrulligen, seltsamen Aus-der-Zeitgenossen. Einen, mit dem man ein bisschen braucht zum Warmwerden, der einen dann aber nicht wieder loslässt. Gleich dem Inselwald ist er nie ganz zu durchdringen.

Auch nicht von Ed, der sein Freund wird. Mit diesem Ed hat es Florian Steffens nicht leicht. Mit einer arg langen Erzählpassage vorm Eisernen muss er die Zuschauer erstmal in die Geschichte reinholen. Später gibt er den Insel- und Abwaschneuling – mit leichter Naivität, ein bisschen verhalten – und es dauert, bis er diese Verhaltenheit ablegt. Da hätte man sich schon vor dem finalen Kielholen ein wenig mehr Tiefgang gewünscht. Zu berühren verstehen die Szenen, in denen er, der immer etwas abseits steht, uns die Inselwelt mit seinen Augen sehen lässt.

© Rolf Arnold

Nur du und ich und die ewige Suppe © Rolf Arnold

Am stärksten ist der Abend ohnehin, wenn er nicht so viele Worte macht. Oder besser, wenn er die dichte, so leichte wie geerdete Sprache Seilers in eine ebensolche Atmosphäre übersetzt. Die Bilder und die sphärische und rhythmische Musik (am Live-Schlagzeug: Johannes Cotta) lassen diesen Ort mehr er-fühlen als be-greifen. Klingt etwas abgehoben, wird aber eben immer wieder geerdet – in dem wilde Orgie auf Hobbymodellbau, Kabarett-Stückchen auf Verzweiflung und Poesie auf Komik trifft.

Ganz zentral dabei die Damen und Herren vom Schauspielstudio, die lebendige Bilder formen und so das Inselherz erst schlagen lassen. Je nach Bedarf sind sie Schiffbrüchige, Bäume, Grenzer, Urlauber, Höhlen im Wald, tanzen ein wunderbares Kakerlakenballett oder hängen als Ertrinkende in den Seilen … Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle – ein toller Einstieg!

Der Rest der Klausner-Besatzung steht als Nebenfigurenkabinett im besten Sinne Gewehr bei Fuß. Andreas Keller rührt die ewige Suppe mit möglicherweise bewusstseinsverändernden Zutaten an. Dirk Lange faltet als Kellner Rimbaud elegant die Gäste zusammen. Berndt Stübner gibt seinem Ferienheimchef Krombach – „Zigeunerschnitzel kommt runter!“ – eine feine Mischung aus wissender Resignation und trutziger Widerständigkeit. Und wenn der irgendwie allwissende, beredt-stumme Inselfuchs (Markus Lerch), mit dem Ed Zwiesprache hält, zu Grabe getragen wird, geht mit ihm ein ganzes Land.

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Mit diesem Inselfuchs stirbt ein ganzes Land: Markus Lerch © Rolf Arnold

Für sein Inselbild verzichtet Petras auf den zweiten Grundtenor des Romans: das vielstimmige Küchen-Abwasch-Geklapper. Aber okay, man muss sich entscheiden. Und eigentlich hat er sich auch für eine recht konservative Erzählweise entschieden. Das fällt nur kaum auf in dieser faden-scheinigen Zauberinselbilderwelt, über die man noch lange nachdenkt: Warum ist gerade die hermetisch abgeschlossene Insel ein Hort der Freiheit?  Warum zerbricht ohne äußeren Zwang die so eingeschworene Gemeinschaft?

Am Ende verdreht der Ostseewind (okay, es ist die Drehbühne) die aufrechten Fäden verquer ineinander. Ein schönes Sinnbild für die neue, ungleich kompliziertere Welt aus den alten Zutaten. Eine Welt, die für Kruso keine mehr ist.

» Kruso
Nach dem Roman von Lutz Seiler. Regie: Armin Petras.
Es spielen: Alina-Katharin Heipe, Ellen Hellwig, David Hörning, Andreas Keller, Jonas Koch, Dirk Lange, Ferdinand Lehmann, Markus Lerch, Elias Popp, Anja Schneider, Nina Siewert, Florian Steffens und Berndt Stübner
Bühne: Olaf Altmann. Musik: Johannes Cotta. Choreographie: Denis Kuhnert. Kostüme: Patricia Talacko.

Wieder am 29. + 30. 10., 19. + 20. 11. und 1. + 2.12.