ich werde eine oper bauen – clemens meyer an der oper halle

Thomas Pannicke fährt nach Halle und erlebt dort eine Aufbruchstimmung, die ihn an die an den Start des Centraltheaters vor 8 Jahren in Leipzig erinnert. Neue Intendanz, neue Energie, neue Räume, neue Formate. Eines davon erinnert auch sehr ans Centraltheater: Clemens Meyers Stallgespräche. Wie’s gestern dort beim Thema „Oper“ zuging, lest ihr hier:

Regelmäßig steige ich auf dem Hauptbahnhof Halle um, und in den letzten Wochen zogen die Plakate dort meine Aufmerksamkeit auf sich: In großen Lettern war zu lesen: ALLES BRENNT. Eine Woche später waren die Plakate ersetzt und kündigten nun die ersten Premieren der neuen Spielzeit an der Oper Halle an, illustriert mit Bildern, die so gar nicht operntypisch aussahen: Bilder aus Kriegs- und Krisengebieten, Bilder von Flüchtlingen und Kriegsopfern.

Eine neue und junge Mannschaft hat die Oper Halle übernommen, Florian Lutz ist Intendant, Michael von zur Mühlen, der vor Jahren an der Leipziger Oper für Aufregung sorgte, ist Chefdramaturg. Es ist eine Aufbruchstimmung zu spüren, die an den Start des Centraltheaters vor 8 Jahren erinnert. Derzeit läuft das Eröffnungsfestival und mit dabei ist Clemens Meyer mit seinen Stallgesprächen, auch wenn er sich noch nicht ganz sicher ist, ob diese Veranstaltung nicht besser Saalgespräche heißen sollte, wenn sie schon in Halle an der Saale stattfindet. Unterstützt wird der in Halle geborene Leipziger Autor bei seiner Talk-Show wie gewohnt von Johannes Kirsten und Enrico Meyer.

Clemens Meyer baut eine Oper in der Oper i9n Halle.

Clemens Meyer baut eine Oper in der Oper i9n Halle.

„Ich werde eine Oper bauen.“ ist ein Zitat aus dem Film „Fitzcarraldo“ und zu Beginn des Abends ruft dann auch Klaus Kinski (gespielt vom nt-Schauspieler Matthias Walter): „Ich will meine Oper haben. Ich baue eine Oper.“ Etwas weniger hektisch als Kinski gehen Clemens Meyer und Johannes Kirsten den Abend an, sie plaudern erstmal gemütlich über ihre frühen Erfahrungen mit der Oper. Man erfährt, dass Clemens Meyer als Elfjähriger in Halle eine Händel-Oper sah und dann zu Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“ griff, um mehr über Händel zu erfahren, und dass er als Jugendlicher als Statist dabei war, als Istvan Szabo an der Oper Leipzig „Boris Godunow“ inszenierte.

Lockere Gespräche bestimmen den ersten Teil des Abends, der sich bemüht, einen Bezug zur Stadt Halle zu finden. Man erfährt einiges über Hallorenkugeln und noch mehr über Fritz Weineck, geborener Hallenser, Mitglied im Rotfrontkämpferbund, von der Polizei in Halle erschossen und besser bekannt als „Der kleine Trompeter“. Dass der von Beruf Bürstenbinder war, bringt Clemens Meyer dazu, über Rasierpinsel zu sinnieren und schließlich ein Lied über die Rolle des Besens in der Weltrevolution anzustimmen. Nun ja, singen ist doch nicht so ganz seine Sache, auch wenn er sofort professionelle Hilfe bekommt. Denn zur musikalischen Untermalung sind eine Sängerin und ein Pianist auf der Bühne, die sehr gelungen und ebenso passend Lieder von Brecht und Eisler vortragen.

Nachdem uns die Olsenbande gezeigt hat, wie man erfolgreich und streng nach Partitur bei laufendem Konzert in die Kopenhagener Oper einbricht, und uns Jonathan Meese (alias Matthias Walter) ein Kunst-Manifest vorgetragen hat, bittet dann Herr Meyer die Gäste auf die Bühne. Und da haben die Macher der Stallgespräche (wieder) einen Coup gelandet. Mit Simone Hain und Gerd Rienäcker – sie Architekturhistorikerin, er Musikwissenschaftler – betreten zwei Professoren die Bühne, die wirklich etwas zu sagen haben.  Clemens kann sich im Gespräch sehr zurücknehmen und die beiden nacheinander sprechen lassen, sie wissen das Publikum zu fesseln.

Da geht es um die Pariser Oper und um Schulsternwarten in der DDR, um die Debatten zu Hanns Eislers Oper „Johann Faustus“, um Brecht und Felsenstein. Es geht um die Begriffe Oper als Gebäude und Oper als Musiktheater und um Verwendung der Montagetechnik in der Oper, die ja bekanntlich auch in Clemens Meyers literarischen Werken eine wichtige Rolle spielt.

Man hätte noch lange zuhören mögen, aber irgendwann muss der Abend dann doch zu seinem Ende kommen und da spielt Fritz Weineck noch einmal eine Rolle – das Publikum singt im Chor das „Lied vom kleinen Trompeter“. Viel Beifall für alle Beteiligten des gelungenen Abends auf der gut gefüllten Raumbühne der Oper Halle. Wir sind gespannt, was sich in Halle entwickelt. Wer sich für modernes Theater interessiert, sollte die Stadt im Auge behalten.