mehr glitzer!
reihesieben macht praktikum in der maske

Samstag Abend, 19:30 Uhr, große Bühne: Metropolis. Wir sind aufgeregt – Maskenbildnerin Cordula Kreuter nimmt uns heute mit backstage. Die innere Ambition fragt sich: dürfen wir vielleicht sogar ein bisschen helfen? Der Rest ist eher besorgt, hauptsächlich im Weg rumzustehen und der kleine Voyeur in uns so: werden wir auch was mitkriegen von den kleinen Geheimnissen aus den vertraulichen Garderobenspiegel-Gesprächen?

Cordula hat immer ein herzliches Lächeln im Gesicht, sieht aus wie frische Mitte Zwanzig und ist gefühlt schon immer am Haus. Sie holt mich beim Pförtner ab und ab geht’s ins Damen-Masken-Zimmer, wo später Maschinen-Mädchen Julia Preuß, Sophie Hottinger und eine der Statistinnen erwartet werden. Aber zuerst müssen alle Masken für den Metropolis-Bewegungschor aus den Schränken zur Aufsetz-Sammel-Stelle gebracht werden. Und da heißt es, noch ehe man sich übers Im-Weg-Stehen tiefere Gedanken machen kann, gleich mit anpacken.

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Auf die Ausbildung zur » Maskenbildnerin ist Cordula gekommen, als sie nach dem Abi etwas Künstlerisches und Handwerkliches machen wollte. Und etwas im Theater. Entgegen anderer Vorhersagen hat es auch direkt geklappt mit dem Ausbildungsplatz. In drei Jahren lernt man alles, was der Kostümbildner nachher von einem wollen kann: Schminken, Haare schneiden, Frisieren, Perücken knüpfen und Masken machen, dazu noch Stilkunde, denn man sollte schon wissen, was wann wo wie so getragen wurde.

Im Gegensatz zum Film, wo es immer um möglichst realistische Maske geht und wo für jede größere Wunde Spezialisten anrücken, ist die Arbeit am Theater viel abwechslungsreicher. Auch wenn jetzt einiges im Internet bestellt wird, der größte Teil – seien es Perücken, Herzerlfresser-Ganzkörperfelle, falsche Nasen, Ohren oder ganze Monchichi-Köpfe – ist noch immer Marke Eigenbau.

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Haarteile und Schminkutensilien liegen bereit, schnell noch ein Tee aufgegossen und schon hüpft Julia Preuß im Bademantel rein. Sie bekommt die langen, dunklen Haare strähnchenweise aufgedreht (erstaunlich wie fix das geht und wie glatt die dann am Kopf liegen) und die Maria-Perücke mit halblangem schwarzen Haar festgesteckt. Hier noch eine Haarnadel, und hier bitte auch noch eine und schon geht’s weiter mit dem Make-Up. Welches Rouge, welcher Lidschatten, die richtigen falschen Wimpern – das kann die Maskenbildnerin aus dem EffEff. Und meint zwischen zwei Lidstrichen, dass allermeistens die SchauspielerInnen nachher schön aussehen sollen, das es aber …

„… manchmal auch schön ist, wenn es nicht schön ist“

Ein paar Minuten später – auf dem Monitor neben dem Schminkspiegel sieht man die ersten Zuschauer ihre Plätze einnehmen – kann ich bei Sophie Hottinger besichtigen, wie eine Flechtfrisur entsteht, die die Teenager-Tochter vor Neid erblassen lassen würde. Liebes Kind, lass dir sagen, auch Cordula hat früher ausführlich an der kleinen Schwester geübt!

Es klingelt einzweidreimal, dann die Hausdurchsage zum Vorstellungsbeginn. Per Lautsprecher wird während des ganzen Abends angesagt, wer sich wann wo einzufinden hat: ob nun …

… Die Statisterie bitte zur Kreuzigung, die Statisterie bitte!

… oder die Ankleiderin von Frau Julia Preuß auf die Seitenbühne! Denn auch während der Vorstellung ist die Arbeit nicht vorbei. Ich darf mit auf die linke Seitenbühne um nach der Anfangsszene bei Julia die Kappe gegen die Perücke zu tauschen (oder umgekehrt?). Dann tauchen wir ins Halbdunkel der rechten Bühnen-Seite, wo Sophie mit ihrem Kostüm kämpft, ein paar neue Haarteile angesteckt bekommt und einen Schluck Tee trinkt, bevor sie mit Fast-Food bewaffnet in die Vorm-Joshiwara-Club-Szene stürmt.

Hätte ich darauf bestanden, hätte mich Cordula wahrscheinlich sogar mit zum nächsten Um-Zug in den engen Holz-Würfel genommen – allein – siehe: im Weg-Rumstehen.

 

Da besuchen wir doch lieber zwischendurch mal die Herrenmaske und entdecken auf dem Schrank den Hasenkopf, den Emma Rönnebeck in Sirk – The East über die Bühne trug. Gerade wird Freder aka Florian Steffens zwischen zwei Szenen ein bisschen aufgehübscht, als der wiederrausgestöckelt ist, kommt Erfinder Rotwang (Markus Lerch) vorbei und verliert ein paar Melonenbröckchen aus Kostüm und Frisur. In den Zwischen-Warte-Zeiten wird an einem neuen Haarteil geknüpft – und hey, das ist geduldige Haar-für-Haar-Fingerspitzenarbeit! Für eine ganze Perücke braucht’s um die 40 Arbeitsstunden.


Was wir gelernt haben:

… auch Perücken müssen regelmäßig Haare waschen
… die Technik, lange Haare so am Kopf aufzuwickeln, das eine Perücke drauf kann, heißt Schneckeln und schaut ganz genau so aus
… die „Nischel“ (zur Perückenanprobe und so) werden – erkennbar – nach dem jeweiligen Schauspielerkopf gefertigt

Was wir uns schon gedacht haben:

… Perücken jucken tatsächlich übelst
(und besonders auf frisch gewaschenem Haar)
… am längsten hält der sch… Glitzer!


Vorne: Schlussapplaus (ausgedehnt), der Saal auf dem kleinen Monitor leert sich. Hinten kommen nach dem obligatorischen Köpfe-in-den-Schrank-Zurückräumen die Mädels zum Abschminken in die Maske. Perücken ab (geht fix), Schminke aus dem Gesicht (dauert länger), Duschen & den letzten Rest Glitzer mit in die Kantine nehmen. Feierabend? Noch nicht ganz: es müssen natürlich noch zig Haarnadeln & Co ordentlich weggeräumt werden.

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Zum Schluss zeigt mir Cordula noch die Werkstatt. Hier verbringt die Maskenbildnerin sozusagen die Tagschicht. Auf den Arbeitstischen neben ganzen Schränken voller Haarteile, Perücken und angepinnten Bärten stehen schon die Drahtgerüste für die Masken der nächsten Inszenierung. Und liegen ein paar Herzerlfresser-Kostüme, denen wegen zu heftigen Haareraufens das Fell nach jeder zweiten Vorstellung wieder aufgefüllt werden muss. Schwarze Papiergesichter hängen von der Decke und auch ein paar halbfertige Gips-Masken gibt es zu Bestaunen.

Dann ist der Abend auch schon rum – Wir bedanken uns ganz herzlich bei Cordula für eine tolle Vorstellung-von-hinten mit echt spannenden Einblicken! Die Statisterie hat ihre Kreuzigung übrigens überlebt. Und von wegen Vertrauliches am Schminkspiegel. Gibt’s natürlich. Aber der Praktikant wird sich hüten, etwas auszuplaudern. ;)!