schlossgeister auf beesenstedt

Es ist ein langer Abschied, den das Centraltheater sich selbst und seinen Zuschauern abfordert, ein Abschied, der schon im Januar mit dem Großen Abspielen begann. Und die Gedanken von vielen aus der Mannschaft weilen sicher schon bei den Dingen, die die Zukunft bringen mag. Umso mehr muss man bewundern, was am letzten Freitag auf die Bühne gebracht wurde.

Es war eine wunderbare Nacht, eine von den Nächten, die wir nur erleben, solange wir jung sind …
F. M. Dostojewski, „Weiße Nächte“

[von Thomas Pannicke und Miss Laine]

Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT
Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT

Die „Weisse Nacht“ – schon lange angekündigt – sollte alle Russen-Inszenierungen noch einmal zeigen. Später erst fand man das Schloß Beesenstedt und damit den perfekten Ort, lud Zuschauer und Freunde ein und bat um festliche Garderobe. Und, um es vorwegzunehmen, es war ein rauschendes Fest! Eine wunderbarer Abend für alle, die die Inszenierungen des Centraltheaters ins Herz geschlossen haben und nun noch einmal einen Blick zurückwarfen.

Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT
Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT

Schloß Beesenstedt – ein altes Herrenhaus mit morbidem, halb aristokratischen, halb sozialistischen Charme – ward mit viel Liebe zum Detail zur Bühne gemacht. Einen ganzen Kostümfundus hat man mitgebracht: da sind Figuren aus Krieg und Frieden im Salon beim Billardspiel, im Treppenhaus beschwört Manuel Harder noch einmal „diesen, seinen Comer See“ aus den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, im Nebenzimmer trifft man Charaktere aus Hamlet, später kommt der Ermittlungsrichter Porfirij Petrowitsch noch einmal der Schuld Raskolnikows auf die Schliche . Es gibt Wein, in den Kaminen lodern die Flammen, durch die offenen Fenster weht die Frühsommernacht: Wir Gäste wandeln durchs ganze Haus bis zu den tiefsten Kellerräumen und wie zufällig begegnen uns hier die Figuren, die uns ans Herz gewachsen sind.

Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT
Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT

Noch einmal darf Claudius aus dem Hamlet-Essay zitieren, am Spieltisch werden wir mit Houellebecq-Texten im ewigen Leben willkommen geheißen, noch einmal tritt Steve Binetti auf, singt der Chor und spielt das Balalaika-Ensemble aus dem Schneesturm. Clemens Meyer liest mit Wodka, Sternburg Bier und Uwe-Karsten Günther aus seinem neuen Roman. Und Christian Kuchenbuch ist noch einmal auf dem Klapprad unterwegs. Auf Bildschirmen kann man die Sendungen des ct.tv verfolgen, im Garten läuft der Rohschnitt eines Krieg-und-Frieden-Films, der in den Tagen zuvor im Schloss entstand. Einige späte Gäste sieht man trotz Sommer-Frische im Pool, während Peter Schneider im Keller ein privates Konzert gibt. Guillaume Paoli serviert köstlichen Wein in der philosophischen Praxis, und auch sonst hat Herr Enk vom Piloten natürlich gut für das leibliche Wohl gesorgt.

Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT
Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT

Scheinwerfer strahlen von außen durch die großen Fenster und tauchen den Ballsaal in ein irres Licht. Als die letzten Szenen gespielt, die letzen Dialoge verklungen sind, beginnt mit einem Paukenschlag der große Tanz. Müdegesehen und getanzt sitzen wir später ganz einfach da, schauen dem bunten Treiben zu und lassen den Abschiedstränen ihren Lauf. Als der letzte Bus zurück nach Leipzig startet, graut der Morgen.

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