hin und weg – der atlas der abgelegenen inseln in hannover

„Ein mehrstimmiges Hörstück auf drei Stockwerken für vier Schauspieler und ebensoviele Musiker eingerichtet von Thom Luz“ steht über dem Abend in der Cumberland’schen Galerie. Zu erleben ist ein sehr stimmiges Zusammenspiel von Raum, Klang, Musik und Spiel. Die Kritikerin empfiehlt, in der mittleren Etage Platz zu nehmen.

Dieser Flecken ist ein topografisches Desaster.

Atlas der abgelegenen Inseln. Foto: Karl Bernd Karwasz

Atlas der abgelegenen Inseln. Foto: Karl Bernd Karwasz

Mitnichten! Die Cumberlandsche Galerie ist schon eine Inszenierung für sich, ein magischer Ort. Das von außen schlichte Gebäude im Hof des Schauspiels Hannover mutet innen an wie der verbotene Teil eines alten Schlosses. Der Putz blättert morbid charmant von den Wänden. Eine dreiläufige Treppe als eigentlicher Spiel-Ort führt in die drei Stockwerke, auf denen Regisseur Thom Luz die Zuschauer verteilt hat. Jener hat dem Gemäuer zusätzlich ordentlich Theaternebel eingehaucht: Die Geschichten, die dieser Ort atmet, lassen sich so beinahe greifen. Wie geschaffen also für Judith Schalanskys eigentümlichen Atlas der abgelegenen Inseln ...

– auf denen ich nie war und auf denen ich nie sein werde –

… in dem die Autorin einsame Eilande deren abenteuerliche Geschichten versammelt. Takuu, Pitcairn, Bäreninsel, Tromelin – in der Cumberlandschen wehen die Inselnamen wie Echos von Stockwerk zu Stockwerk. Treppauf treppab huschen die acht Schauspieler und Musiker auf leisen Sohle. Seltsam aus der Zeit gefallene Gestalten, die – meist in Eile und ein entschuldigendes Bin gleich wieder da auf den Lippen – Paukenschläge und immer neue Geschichtenbruchstücke auf den drei Etagen verteilen. Nie sieht der Zuschauer alles, wohl aber hört er:  Töne, Melodiefetzen, Ver-Satz-stücke, die herüberklingen wie von einem fernen Schiff.

Achten Sie auf den Brunftschrei der nordischen Seekuh!

Auf Schalanskys Inseln geistern die Gescheiterten und Gestrandeten umher und finden keine Ruhe. Ewige Schatzsucher, Schiffbrüchige, Seekühe, die lautlos sterben; tote Kaiser, schmelzende Polkappen, aussichtslose Expeditionen … vom Sehnsuchtsort in die Hölle ist es manchmal nur ein kurzer Weg. Vor allem dort, wo selbst von der Inselmitte aus der Strand zu sehen ist.

Atlas der abgelegenen Inseln. Foto: Karl Bernd Karwasz

Atlas der abgelegenen Inseln. Foto: Karl Bernd Karwasz

Wunderschön, wenn die drei Streicherinnen und der Posaunist musizierend durch das Haus wandern. Sichtbare Freude am Erzählen und fast noch größere an Verschweigen und Geheimnis bei Beatrice Frey, Sophie Kraus, Günther Harder und Oscar Olivo. Töne setzen sich zu Melodien zusammen, Sätze werden zu Geschichten, Inseln zu Atollen und alles zusammen zu einem Bild von der Welt, das mehr menschliche Seelenlandschaft ist als Kartographie. Und im nächsten Moment wieder zerfällt.

Deinen Namen, den hab ich vergessen, deine Küsse vergesse ich nie singt das Ensemble zwischen Kitsch und Komik am Ende und Schalansky weiß, ein Atlas ist eigentlich Welt-Theater und die Sehnsucht wird immer groß sein, größer als die Befriedigung durch das Erreichen des Ersehnten. Diesem bittersüßen Sehnsuchtsgefühl gibt der zauberhafte Theaterabend an einen topografischen Ort:
52° 22′ Nord, 9° 44′ Ost. Hannover. Cumberlandsche Galerie.


» Atlas der abgelegenen Inseln
Wieder am 2., 28. und 30. Oktober. Schauspiel Hannover