that’s entertainment – kruses neuer streich am schauspiel frankfurt

Ein neuer Kruse-Kosmos ist vergangenen Samstag im Bauch der Frankfurter Kammerspiele erstanden: Entertaining Mr. Sloane heißt das Stück im Original, und nicht nur dieser wird in der Inzenierung der bitterbösen Komödie Joe Ortons (zu deutsch: Seid nett zu Mr. Sloane) bestens unterhalten.

In den Startlöchern: Heidi Ecks und Manuel Harder. © Birgit Hupfeld

In den Startlöchern: Heidi Ecks und Manuel Harder. © Birgit Hupfeld

Natürlich bekommt der bekennende Kruse-Fan, was er erwartet. Aber das ist ja auch zum Niederknien ;). Statt unterkühltem Bühnensound herrscht hier Rock’n’Roll, statt postmoderner Gradlinigkeit und Leere regiert detailverliebter Ausstattungswahnsinn die Bühne von Volker Hintermeier: hier spendet eine Keramikananas Zigaretten, der Schädel ist im Kühlschrank, die Treppe ein Fahrstuhl. Nämlich der zum Schafott, schließlich führt sie ins Schlafzimmer, und selbst die schnöde Stufe zur hinteren Bühne ist eine Reminiszenz an Alfred Hitchcock. Und ob Musik oder Bühne, ob Requisit oder Sprache, nichts ist bei Kruse einfach nur so da, alles ist genau dort und genau dann, wo es hingehört und eröffnet überraschende, großartige, intelligente, böse Assoziationsräume.

A smash of glass and the rumble of boots
An electric train and a ripped up phone booth
Paint splattered walls and the cry of a tom cat
Lights going out and a kick in the balls

I say that’s entertainment, that’s entertainment

Das alles sieht man freilich erst, wenn die holde Maid den Gazevorhang, auf den wieder irre Zeichnungen des Meisters himself projiziert werden, beiseite schiebt. Und dann man hat Zeit zum Bewundern, denn Heidi Ecks probiert hochkomisch ihre ersten Sätze Das ist das Wohnzimmer. Sie sollten mal die Toilette sehen! wieder und wieder und stellt schließlich fest, dass die Tapeten auch mal frische Wände vertragen könnten. Kennt man, das Problem.

Daddy ist nicht nett zu Mr. Sloane: Manuel Harder und Michael Altmann. © Birgit Hupfeld

Nein, Daddy war nicht nett zu Mr. Sloane: Manuel Harder und Michael Altmann. © Birgit Hupfeld

Für die schräge Story – junger, nice but evil man (Manuel Harder) kommt zu very wrecked und umso einsamerer Schwester (Heidi Ecks) mit nonchalanten, sneaky Bruder (Oliver Kraushaar). Beide wittern ihre Chance, nehmen sich den jungen Mann mit der herrlich glatten Haut subtil-perfide zu Gebrauche und stiften ihn schließlich zum Mord an alterstarrsinnigem Daddy (Michael Altmann) an – hat Kruse vier wunderbare, bewährte Schauspieler: Herrliche Blödsinnmacher, Szenendehner, Wortverdreher, Spannungsverweigerer und Körpereinsetzer … Doch Vorsicht, Baby:

It’s just one step from the jungle to the zoo
You better watch out or they’re gonna get you too …

Neben dem Witz lauert der Abgrund, hinter dem nächsten Kalauer hockt die Verzweiflung und – Moment – wer war in dieser bitterbösen Komödie nochmal der Böse? Wer gebraucht wen, wenn sich die beiden ungleichen Herren erst babyölen und federn, dann übereinander herfallen und sich schließlich in Michelangelos Fingerzeig-Pose kongenial-absurd umkreisen?

Die Erschaffung Adams aus dem Geist der Komödie. Manuel Harder und Oliver Kraushaar © Birgit Hupfeld

Die Erschaffung Adams aus dem Geist der Komödie. Manuel Harder und Oliver Kraushaar © Birgit Hupfeld

Nichts ist hier eindeutig, aber als eindeutig komödientauglich und Orton-kompatibel erweisen sich Kruses Sprachzaubereien. Die Wortspiele knüpfen genauso absurde wie sinnfällige Assoziationsketten – da wirkt Aspirin am besten in Ostberlin, im Plüsch lauert schon lange die Schlange und draußen vor der Tür (sic!) läutert der Bodybildungsbürger. Noch in jedem Kalauer steckt eine ganze, kleine Welt.

Wenn in Kruses » Borchert-Abend aus der letzten Spielzeit das Komische trotz aller Tragik aufleuchtet, scheint hier die Tragik – wenn auch sachte – durch den Witz. Das Lachen neigt in beiden Fällen dazu, einem gern mal im Halse stecken zu bleiben.

Dem Frankfurter Premierenpublikum sitzt nichts quer, das jubelt. Zu recht und ausdauernd. Vielleicht muss man ein klein wenig aufpassen, dass man sich’s am Ende nicht zu heimelig macht im Lang-inszeniere-Kruse-versum hinter der sicheren vierten Wand. Aber selbst das steckt dann doch schon drin in diesem Abend, der sehr genau weiß, was er ist: denn ist’s nicht auch nur ein kleiner Schritt from the zoo back to the jungle?