draußen vor der tür: du bist back, mann?

Jürgen Kruse inszeniert wieder! Für das Schauspiel Frankfurt hat er Borcherts Draußen vor der Tür neu gelesen, co-regiert, aufgeladen, komponiert, ins Kruse-Universum gezaubert. Und was war das für eine Premiere, was für ein großartiger Einstand für Manuel Harder im Frankfurter Ensemble! Ein Beckmann, der einen direkt in die Magengegend trifft. Wir waren dabei und haben viel, aber längst nicht alles gesehen.

Die Schattengestalten hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang kommen näher, weichen zurück, ein Strick baumelt, zwei Sirenen schwingen ein schwarzes Leichentuch, Musik, Geräusche – fast wähnt man sich in CT oder Skala – wäre da nicht der Hamburg-Landungsbrücken-Sound inklusive heiserer Möwen und der mit Kunstledersitzen ausgestattete und recht steil abfallende Zuschauerraum der Frankfurter Kammerspiele.

Draussen vor der Tür. Foto: Birgit Hupfeld

Draussen vor der Tür. Foto: Birgit Hupfeld

Gibt der Vorhang den Blick frei, sehen wir die – natürlich – opulent ausgestattete Bühne – irgendwo zwischen Rumpelkammer, Wohnzimmer, Seemannskneipe und Reeperbahn-Rotlicht-Kolorit – auf die gerade der Borchert’sche Kriegsheimkehrer unsanft von der Elbe gespuckt wird. Die nämlich will den Lebensmüden «Nö, du, du bist noch nich dran» partout nicht ertrinken lassen.
Sieht auch nicht gut aus für Beckmann bei Borchert, der keinen Vornamen mehr hat und sich vorkommt wie ein (ausrangiertes) Möbelstück: Gefangenschaft, Knie kaputt, Frau weg, Eltern tot, Hunger und immer dabei die Gespenster der toten Kameraden.

«Sie haben mich totgelacht»

Manuel Harder ist dieser eine, der eigentlich gar keiner mehr sein will, am allerwenigsten aber Beckmann. Und er spielt ihn in einem ganz feinen Wechsel aus Nähe und Distanz, mal fiebrig bis zum Rausch, dann, cool-resigniert, sich selbst von außen betrachtend. Von Station zu Station begleiten wir ihn durch das Kruse’sche Gesamtkunstwerk aus Licht, Raum, Klang, Spiel und Sprache: Aus Heidi Ecks‘ schnoddrig-hamburgischen Elbe zu Linda Pöppels rührenden Mädchen «dessen Mann auf einem Bein nach Hause kam», vom herrlich trockenem Oberst, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt (OLiver Kraushaar) zum harald-schmidtesken Kabarettdirektor (Thomas Huber). Das ist ergreifend und urkomisch, bitter und banal, nichts von alledem und alles auf einmal.

Manuel Harder in Draussen vor der Tür. Foto: Birgit Hupfeld

Erkennt ihr den „deutschen Jedermann“? Manuel Harder in Draussen vor der Tür. Foto: Birgit Hupfeld

«Geh‘ doch mal außen rum!»

Vieles kennt man aus den Leipziger Kruse-Inszenierungen – die überbordende Bühne, auf der immer alle als lebende Kulissen in Bewegung sind, die Musik (Hier ist es eine wilde Mischung aus Rock, Reeperbahn, Schlager und Operette); die Hebbelsche Kanone, in die man die ganze Welt stopfen und Gott ins Gesicht schießen möchte, hat ihren Auftritt und: selbstverständlich wird gefochten. Aber hier ergibt sich kein Jedermann nach Hadern mit Gott und dem eigenen Lebenswillen seinem Schicksal (obwohl man über Paralellen und Unterschiede einen eigenen Artikel schreiben könnte), hier scheitert kein Captain America an der hippiehassenden Gesellschaft – hier wird ganz allein der Beckmann immer wieder nach draußen und damit auf sich selbst zurückgeworfen, mit aller Härte und das schon bevor der Vorhang sich hebt und weiter nachdem er sich wieder senkt.

«Meine nine, nein: eleven»

Es waren nicht nine, es waren elf Kameraden, für die Beckmann die Verantwortung trug, die ihn nun jede Nacht heimsucht. Eleven. 9/11. Hat nichts mit Borchert zu tun? Oh, Moment … Beeindruckend: das Spiel mit Worten – ein Vorpreschen, Zurückgehen und Wiederaufnehmen der Gedankenfäden. Wahnsinn: die Energie, mit der Harder ein wahres Assoziationsstakkato abfeuert, das einem Moment banal und koddrig scheint («Beckmann? Bist du back, Mann?»), unter dem sich gleich im nächsten tiefe Abgründe auftun.

Linda Pöppel und Manuel Harder in Draussen vor der Tür. Foto: Birgit Hupfeld

Linda Pöppel und Manuel Harder in Draussen vor der Tür. Foto: Birgit Hupfeld

Kruses Draußen vor der Tür ist unglaublich dicht, zwischen Ernst und Ironie, Traum und Wirklichkeit verdammt nah an Borchert und es fährt einem direkt in den Bauch. Gern möchte man auch in die viertefünftesiebte Aufführung; Neues entdecken; sehen, wie die Schauspieler sich einkrusen-grooven, wie alles immer mehr ineinandergreift. Nur leider ist dafür Frankfurt man ’n büschen weit wech, nöch? Dafür ist nach dieser Premiere das Herz noch lange randvoll mit Kruse, Beckmann, Elbe und Fich. Und zur letzten, da kommen wir noch mal.

«Fahrende Musikanten, das sind wir, immer auf Achse, das sind wir …».