borschtschbortschtschbortschtsch – hawemanns wunderbare schwestern in hannover

Was hat Sascha Hawemann da wieder auf die Bühne gezaubert – eine Inszenierung wie ein russisches Nationalgericht! Und dabei inszeniert er ein Stück, in dem nichts geschieht aber viel geredet wird – und das zumeist über Zukunftspläne, denen – noch nicht ganz ausgesprochen – schon die eigene Unmöglichkeit anhaftet.

Tschechows Drei Schwestern beginnt mit einem Ende. Das Trauerjahr um Vater Prosorow ist vorüber, ein Namenstag wird gefeiert. Wer aber annimmt, jetzt begänne das Leben der jungen Frauen, hat weit gefehlt. Lasst euch nicht täuschen von der munteren Gesellschaft, die sich im Salon der Schwestern Prosorowa einfindet – hier lebt nichts außer falschen Hoffnungen, trügerischen Sehnsüchten und einer immensen inneren Leere, die jeden Ausbruch aus der selbstverordneten Zwangsgemeinschaft unmöglich macht.

Drei Schwestern. Schauspiel Hannover. © Katrin Ribbe

Drei Schwestern. Schauspiel Hannover. © Katrin Ribbe

Das ist das Schicksal, da kann man nichts machen

Nach Moskau! Das ist die einzige Sehnsucht von Olga, Mascha und Irina. Und solang es noch nicht so weit ist, macht man es sich halt in der gehassten Provinz gemütlich. Du musst dein Leben ändern? Nein, du musst Wodka trinken und darüber philosophieren, wie schön das Leben wäre, hätte man eine sinnvolle Arbeit. Hätte … Ein Schelm, der denkt, am Sehnsuchtsort Moskau wäre das alles ganz, ganz anders.

Kreisen wir nicht gerade heute mit großem Bohei um das große Nichts? Um uns selbst? Sascha Hawemann übersetzt diesen frustrierenden Stillstand nicht etwa in Stagnation auf der Bühne, sondern – im Gegenteil – in Beschleunigung und holt Tschechows Drama so ohne vordergründige Aktualsierungen punktgenau ins Heute. Betreibt er im ersten Akt kurz Konversation, wie man sich die bei einem russischen Autor eben so vorstellt, treibt er dann zu Schostakowitschs Jazz Suite No. 2. seine Personage Umdrehung um Umdrehung in einen immer wilderen, aberwitzigeren Tanz der Verzweiflung.

So wie die Tschechowschen Figuren nach und nach den Halt verlieren, so zerfällt auch das Bühnenbild. Dem schicken Salon kommen alsbald die Wände abhanden und geben den Blick frei auf die kalten Untiefen der Hinterbühne, in denen man beschwerlich über Eisschollen klettert und Eisbäder nimmt.

Drei Schwestern. Schauspiel Hannover. © Katrin Ribbe

Drei Schwestern. Schauspiel Hannover. © Katrin Ribbe

Johanna Bantzers verzweifelt fröhliche Irina, Hagens grotesk zeigefinger-drohender Tusenbach, Sarahs abgrundtief traurige Mascha, Christians schon resignierter Werschinin – das Ensemble bringt einem die Figuren mit einer ungemeinen Intensität beinahe schmerzhaft nahe. Und schon im nächsten Moment kippt die Tragödie ins Komische. So steigert sich Henning Hartmann als Maschas ungeliebter-inadäquater Gatte Akt um Akt in eine wahre Stockhaus’sche Komik.

Es ist keiner mehr da – Alle sind weg!

Das steckt so viel Witz und Irrwitz, Ernst und Wahnsinn, großartige Bilder und ganz viel Esprit drin – die 3½ stündige Premiere fühlt sich an keiner Stelle lang an. Ein wenig zuviel des Guten war es aber zumindest einigen Hannoveraner Theaterfreunden – wurden die Darsteller ausnahmslos und langanhaltend bejubelt, waren – wohl aus den Reihen des dortigen Freundeskreises – deutliche Buhs für die Regie zu hören. Man wird in der Stadt sicher über die Inszenierung sprechen!

Drei Schwestern. Schauspiel Hannover. © Katrin Ribbe

Drei Schwestern. Schauspiel Hannover. © Katrin Ribbe

Wenn gen Schluss die einzige Zerstreuung in der Provinz des Geistes – bezeichnenderweise das fesche Regiment – den Schauplatz verlässt, nimmt es sämtliche heimlichen und unheimlichen Hoffnungen mit. Anders als bei Tschechow, bei dem die Schwestern getrennte Wege gehen, verschwinden die drei hier im Bühnenboden. Mehr resigniert als verweifelt – aber doch zusammen. Immerhin.