heiner müller spricht und kuttner & kühnel ziehen die fäden

Was für ein Start in die Theatersaison! Am Schauspiel Hannover gab es am letzten Freitag langen Applaus und Standing Ovations für einen Heiner-Müller-Abend voller Theatermagie. Und die Tom Kühnel – Jürgen Kuttner – Koproduktion „Der Auftrag“, die im Juni bei den Ruhrfestspielen Premiere hatte, hat das mehr als verdient.

 

Das Regie-Team lässt den Meister seinen sperrig-poetischen Text über die drei Boten der französischen Revolution im fernen Jamaika selbst sprechen (in einem Lesungs-Mitschnitt von 1980) und fährt dazu eine so beeindruckende wie passgenaue, clownesk-surreale Nummernrevue auf, dass man sich die Augen reibt.

Es treten auf: eine wunderbare Live-Band um Hannes Gwisdek, ein Teeservice, dressierte Zirkuspudel mit rotklitzernden Cheerleader-Püscheln, ein umwerfend-papiernes Masken-Theater der Revolution (Und Geschwindigkeit ist manchmal doch Hexerei), drei Blau-Weiß-Rot be-trikot-lorte Emissäre, Billie Holiday, Voltaire im Boxring, Rosa Luxemburg, Che Guevara, sich nicht befreien lassen wollende Sklaven, Karl Marx, ein Lift nach Peru, das Auge des Tigers …

Pass auf, wenn du dich abschminkst, vielleicht geht die Haut mit ab …

Es ist ein lustvolles und böses Spiel um die Masken hinter den Masken unter den Masken, um Utopien und Verrat, an dessen Ende die Revolution ihre Kinder frisst – oder besser: an dessen Ende Corinna Harfouch, zurückgekehrt aus ihrem großen Aufzugs-Monolog, als Debuisson den Revolutionären die bittere Pille der Realität zu schlucken gibt. Überlebt keiner, soviel sei verraten.

Here is fruit for the crows to pluck,
For the rain to gather, for the wind to suck,
For the sun to rot, for the trees to drop,
Here is a strange and bitter crop.

Zu keiner Zeit gehen die Bilder zu Lasten des Textes, dafür ist der einfach zu stark – es ist vielmehr ein äußerst spannendes gegenseitiges Umkreisen, Kontrastieren und Verstärken. Ja, wo sind sie denn nun hin die Utopien für eine gerechtere, eine bessere Welt? Und wenn man sie hat, sind’s denn auch die eigenen? Was ist man bereit, dafür zu opfern? Und ist das gut und wenn ja, für wen? Und wie schnell können sich doch die Vorzeichen ändern …!

Im Boxring des Theaters der Revolution steht im Hintergrund Müller selbst, das Handtuch lässig über die Schultern geschlungen, und schaut es sich an, dieses fulminante Marionettenspiel, bei dem man nie zu genau weiß, wer hier eigentlich die Strippen zieht. Chapeau!


» Der Auftrag
Schauspiel Hannover
Mit: Corinna Harfouch, Sarah Franke, Hagen Oechel, Jankom Kahle, Daniel Nerlich, Jonas Steglich und Jürgen Kuttner
Nächste Vorstellungen: 20. September und 3. Oktober