nichts ist alles und alles ist nichts … laberenz & tschechow in stuttgart

Das Spiel mit dem Theater auf dem Theater … nach einigen Dostojewski-Bearbeitungen und einem Ausflug zu Molière probiert Martin Laberenz nun seinen ersten Tschechow. Das gibt für das Schauspiel Stuttgart einen unterhaltsamen Abend, so ganz Flughöhe hat diese Möwe aber doch noch nicht erreicht.

Warum blickt dies große, stumme,
rätselhafte Tier so ernsthaft
auf der Wasser Flucht und Rückkehr?
Lauert es geheimer Beute?
Christian Morgenstern, Möwe und Mensch

Die Möwe © Birgit Hupfeld

Kein Möwenschrei, keine Seeromantik und wenn der Mond aufgeht, dann ist es ein schwarzer. Reichlich düstere Bilder malt uns Bühnenbildner Volker Hintermeier für Tschechows böse Komödie. Vom See blieb nur ein Wasserhahn übrig, dessen Gebrauch in Tateinheit mit der schrägen Spielfläche eine hübsch sinnfällige Herumrutscherei ergibt. Das titelgebende Seegeflügel fällt bald tot vom Himmel und im Mittelpunkt steht bzw. liegt statt grüner Ulmen eine schwarze Distel – genauer – Achtung: botanische Aufschneiderei – eine wilde Karde, die Pflanze, die den Durst schon in ihrem (griechischen) Namen trägt.

Nehmen wir doch mal mich …

Genauso durstig ist Tschechows Personal – nach Erfolg, nach Ruhm, nach Bewunderung – hauptsächlich aber eben immer nach dem, was nicht zu haben ist. Die Schauspielerin Arkadina, die ihre größten Erfolge nun im Fach der Selbsttäuschung feiert, die ruhmveressene und ach-so-naive Nina, der gelangweilte Bruder Sorin, Kostja, der depressive Möchtegern-Theaterrevolutionär mit ausgeprägtem Mutterkomplex:

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Schaut euch an, seht doch, wie schlecht und langweilig ihr euer Leben führt!

… ruft Tschechow und ziemlich nah beim Dichter sind Regie und Ensemble dann auch, wenn sie hochkomisch überspitzte Egozentriker aufeinander los- und aneinander vorbeiredenlassen. Aber Komödie hin, Komödie her, trotz aller Unterhaltsamkeit und manch schöner Szene gerät das insgesamt allzu schablonenhaft, fehlt’s an Fleisch und an Fallhöhe. Selbst das gutaussehende Bühnenbild scheint sich merkwürdigerweise dem be-SPIELT-werden zu verweigern und manch schöner Effekt ist am Ende dann doch nur: ebendas.

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Warum tragen Sie eigentlich immer schwarz? Ich trauere um mein Leben …

Was hingegen hier alles möglich wäre, blitzt immer wieder auf. Bei Manuel Harder, der seinen Trigorin ganz unaufgeregt zur heimlichen Hauptfigur spielt und ihn vor der himmelnden Nina den ganzen Schriftsteller- und Gesellschaftsüberdruss von der Seele kokettieren lässt. (Inklusive lieber, kleiner Reminiszenz an den Leipziger Kirschgarten in der Szenen-Eröffnung ;). Und es zeigt sich vor allem bei Caroline Junghanns, die ihre vodkatrinkende und tabakschnupfende, immer schwarz tragende Maša als eine – ja als einzige – echte Figur erzählt, die einem näher kommt als all die anderen Abziehbilder und deshalb (am eigenen, trotzigen Pragmatismus) umso schmerzhafter scheitert.

Mehr ein amüsantes Arbeitstreffen hier also zwischen den Herren Laberenz und Tschechow denn eine Punktlandung. Wenn sich die beiden aber ein wenig besser kennenlernten … ziemlich sicher, dass dann selbst Disteln schöne Blüten tragen werden.


» Die Möwe, Schauspiel Stuttgart
Mit: Manolo Bertling, Paul Grill, Manuel Harder, Caroline Junghanns, Cristin König, Robert Kuchenbuch, Svenja Liesau, Peter René Lüdicke, Abak Safaei-Rad, Christian Schneeweiß, Friederike Bernhardt und Niklas Kraft
Nächste Vorstellungen am 7., 12. und 23. Oktober und am 3., 9. und 17. November