Brennende Erde | Schauspiel Leipzig, Diskothek

schwarzes gold und schwarze lunge – kroesinger untersucht die kohlegeschichte und -gegenwart der region

Wie Bewohner einer entfernteren Zukunft kommen sie in den Tagebau, der in der Diskothek des Schauspielhauses eher an einen lang gestreckten Stollen erinnert. Die sechs Spieler rollen ein auf den Schienen, wie sie einst dem Kohleabtransport dienten, in weißen Overalls, sich neugierig umblickend: was haben die Generationen vor ihnen hier in und mit der Erde gemacht? Am Freitag hatte Brennende Erde Premiere - in seinen stärksten Momenten stellt der Abend die richtigen Fragen und macht das Braunkohle-Drama der Region tatsächlich erfahrbar.

Brennende Erde @ Rolf Arnold
Brennende Erde @ Rolf Arnold

So aktuell ist Theater selten. Gerade ist der Beschluss zum Kohleausstieg in allen Medien, fährt das Schauspiel Leipzig mit Brennende Erde in den Tagebau ein. Und selten hat man ein Thema, das die Menschen umfänglicher und so grundverschieden betrifft. Guter (Roh)Stoff also für das Dokumentartheaterteam Kroesinger und Dura, die ihre Spieler zunächst ganz vorn, nämlich beim Stoff, aus dem die Kohle ist, beginnen lassen: Mammutbäume, Ahorn, Linden, Eichen werden von den Spielern auf-, ja fast angerufen.

Der Boden ist die braune Haut, die unsere Erde umgibt. Wir gehen damit um, als wäre es Dreck.

Von den untergegangenen Baumriesen längst vergangener Tage führt die durchaus aufschlussreiche Erzählung nach Meuselwitz 1813 zu einer zufälligen Entdeckung des Bodenschatzes – russische Völkerschlachtsoldaten staunten dort, wo die Flöze an die Oberfläche stießen, nicht schlecht über brennende Erde, hatten sie doch nur ein paar Lagerfeuer entzündet. Weiter geht’s planübererfüllend ins Kombinat VEB Otto Grotewohl (und tief in die zugehörigen Aktenregalreihen der Stasiunterlagenbehörde) und durch den Katastrophenwinter 1978/79. Vorbei an der DDR-Umweltbewegung der späten 80er nimmt der Abend seinen Weg durch unzählige weggebaggerte Dörfer und sucht die nun Heimatlosen auf in ihren un-heimeligen Neubaugebieten mit fließend Warmwasser, streift fast investigativ die heimliche Monopolbildung auf dem Tagebau-Markt und den Co2-Zertifikatehandel und landet im sonnigbunten, re-naturierten Neuseenland von heute.

Ich bin ein Eriträer.
Nein, Spaß …

Keinem Eritäer, sondern einem ehemaligen Eitraer leiht Markus Lerch seine Stimme und erzählt vom Sterben seines Heimatdorfes und der Umsiedlung der Familie. Andreas Keller mimt den NVA-Soldaten, der, in die Braunkohle abkommandiert, schon nach ein paar Wochen mit einer schwarzen Lunge zu kämpfen hat. Zwischen Exportbriketts und der bröseligen Mangelware für den heimischen Markt leuchtet der Stolz der jungen Brigaden, die ihr Land DDR mit Energie (und ihrem unerschütterlichen Glauben) versorgen. Ein Kinderarzt sorgt sich um die Atemwege der kleinen Patienten, die Stasi wegen staatsfeindlicher Aktionen in den Kohlebergwerken. Vieles ist dabei nicht neu, manches schon. Über anderes, wie die recht erstaunlichen Kontinuitäten vor und nach dem Mauerfall, man hat nur noch nie wirklich nachgedacht.

Wer singt schon heute die Lieder von morgen? Wir, wir, wir!

Eine sehr dichte Atmosphäre herrscht dabei im auf volle Länge bespielten Bühnenraum. Dafür sorgen neben dem sehr konzentrierten Spiel nicht zuletzt der Sound von Paul Brody, der einen eigenen akustischen Ab-Raum aufmacht: ein Fließen ist da, ein Hämmern, Metronomschläge, dann wieder klare und melodiöse Parts. Und das Licht von Thomas Kalz, der das unterirdische Dunkel schlaglichtartig ausleuchtet, es aber genauso oft merkwürdig warm scheinen lässt, wie, um im Dreck der Kohleförderung an die Heimeligkeit eines wärmenden Kohleofens zu erinnern.

Der letzte Teil des Abends widmet sich mit Luftmatratze und Wasserball den auf neue Nutzung hin „naturierten“ Freizeitlandschaften, ruft fröhlich die sich selber ad absurdum führenden Werbesprüche der sächsischen MIBRAG in den Resonanzraum und zitiert wörtlich das Capital. Nein, nicht das von Marx (der kam früher vor), sondern einen Bericht des gleichnamigen Wirtschaftsmagazins über den unscheinbaren Prager Konzern EPH, der in den letzten Jahren nach und nach in aller Stille die ostdeutschen Tagebaue aufgekauft hat. Und landet so wieder bei so richtigen Grundsatzfragen, wie Andreas Keller sie stellt: Wem gehört eigentlich die Kohle im Boden? Und: Sollte man sie nicht am allerbesten da liegen lassen?

Brennende Erde @ Rolf Arnold
Brennende Erde @ Rolf Arnold

Ein ziemlich großer Bogen wird da geschlagen und nicht immer gelingt die Umsetzung auf der Bühne gleich gut. Stark ist der Abend dort, wo er auf Unerwartetes stößt in den persönlichen Schicksalen, auf kauzige Typen mit ihrem trotzigen So war das nun mal! oder resignierten Was soll man schon machen? Und dort, wo er sich Kunst traut. Dann agieren die Spieler wie willige Rädchen im Getriebe oder rufen als Chor im kraftvollen und eindringlichen Stakkato die Namen jener Orte, die in den Tagebauen für immer verschwanden. Hinter jedem klingt ein Echo aus Geschichte und aus gelebtem Leben nach. Das vergisst man nicht so schnell.

Meine Grube Brigitta ist pleite
und die letzte Schicht lang schon verkauft
und mein Bagger der stirbt in der Heide
und das Erdbeben hört endlich auf.

Bisweilen aber bleibt Brennende Erde  exportbrikettstapelnd in bloßer Bebilderung hängen und inhaltlich auf – für den aufgewirbelten Kohlendreck ziemlich sauberen – Allgemeinplätzen. Und dann weht auch noch der obligatorische Gundermann-Song über die Tagebaurestlandschaft, der es frecherweise schafft, die so verschiedenen Nöte, die entgegengesetzten Interessen und somit die tiefe Zerrissenheit auf den Punkt zu bringen – mit nur wenigen Zeilen und beinahe besser als ein ganzer Theaterabend. Sehens- und nachdenkenswert ist dieser aber dennoch.


» Brennende Erde
Regie: Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura. Ausstattung: Hugo Gretler. Musik: Paul Brody. Dramaturgie: Benjamin Große und Marleen Ilg. Licht: Thomas Kalz. Mit: Alina-Katharin Heipe, Daniela Keckeis, Andreas Keller, Markus Lerch, Marie Rathscheck und Brian Völkner.

Nächste Schichten am 21. und 25. Januar sowie am 6. Februar 2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.