Legende | Volksbühne Berlin

die nachwelt wird’s schon richten – schernikau ist bei stefan pucher nur bedingt volksbühnentauglich

"Ein Exzess" sei dieses Buch und eine "Überforderung auf allen Ebenen", schreibt Jasper Nicolaisen im letzten Oktober im Neuen Deutschland anlässlich der Neuauflage von Ronald M. Schernikaus legende. "Es ist dick. Es ist maßlos. Es ist alles reingeschrieben, was sein musste. Es ist komisch gesetzt. Es geht alles durcheinander. (...) Es spielt in den 80er Jahren, aber ohne Retrochic." Nun, das meiste davon ist Stefan Puchers 3,5 Stunden Inszenierung an der Berliner Volksbühne schon mal nicht. Eher im Gegenteil. Der roman-unkundigen Rezensentin macht es dennoch Lust aufs Lesen und eventuelle weitere Bühnenversuche.

Legende, Volksbühne Berlin © Thomas Aurin
Legende, Volksbühne Berlin © Thomas Aurin

Ronald M. Schernikau, 1960 in Magdeburg geboren und mit sechs Jahren mit seiner Mutter Ellen in einem Kofferraum in den Westen geflohen, stellte im März 1989 einen Antrag auf  Übersiedlung in die DDR. Kurz vor der Massenflucht in genau die andere Richtung stellt er sich so ziemlich gegen die Zeichen der Zeit – zurück soll es gehen in das für ihn eindeutig bessere Land. Trotz aller Fehler und Nöte desselben, die er unzweifelhaft erkennt und auch gnadenlos benennt. Schernikaus Mammutwerk legende, 1999 posthum veröffentlicht, spielt in und mit den beiden Berlins, mit Ost und West, der Systemfrage und jener brennenden, ob und wie weit sich Welt und Mensch überhaupt ändern lassen.

Stefan Pucher und Team haben aus der 1000seitigen literarischen Überforderung eine recht stringente Handlung extrahiert. Oder besser zwei, denn zum Einen folgen wir dem Junior-Kapitalisten Filipp Geldsack auf seiner Selbstvernichtungsmission (nicht als Person, sondern als Kategorie!), bei dem als geplanter Kollateralschaden der wirtschaftliche Ruin der DDR betrieben wird. Den zweiten Handlungsstrang bildet ein göttliches Vierer-Gespann, das zwar erfolg- aber doch nicht folgenlos versucht, der Welt zu helfen. Stilecht schweben da Klaus Mann, Max Reimann, Ulrike Meinhof und Therese Giehse aus dem Bühnenhimmel – quasi als personifizierter Rettungskanon aus Literatur, Kommunismus, Revolution und dem Theater selbst.

Unten angekommen, finden sie sich allerdings in einem ausgesprochen retroschicken, durchgestylten 70er/80er Jahre-Setting (Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt) wieder. Mitgesprochene Regieanweisungen geben – neben der dreiköpfigen Band – den Rhythmus vor, in dem die Spieler darin mehr oder weniger von Station zu Station eilen – Kneipe,  Firmenzentrale, Privatflugzeug, Krankenhaus, Hausbesetzerszene – ihren Figuren hinter her. Da betreibt zum Beispiel Ueli Jäggi als Tattergreis souverän durch den Ost-West-Schokoladenhandel, um später in seiner Antrittsrede als sozialer Kanzler zu behaupten Ich bin Christa Wolf. Robert Kuchenbuch spielt als Honecker-Widergänger gleich ein ganzes Land. Sebastian Grünewald gelingt zumindest die Auslöschung aller Konturen seines kapitalismusmüden Geldsack.

Legende, Volksbühne Berlin © Thomas Aurin
Legende, Volksbühne Berlin © Thomas Aurin

Das hat alles schon Komik und ist durchaus kurzweilig, vor allem nach der Pause, wo es musikalischer und direkter zugeht und das Tempo spürbar anzieht. Zum Leuchten aber bringen den Text eher die kleinen, aus dem durchkomponierten Rahmen fallenden Szenen. Etwa bei Sólveig Arnarsdóttir, die gleich zu Beginn als Schernikaus Mutter am Eckkneipentisch sitzt und sehr intim und intensiv ihre so traurig-naive, aber doch auch wissende Ost-West-Lebens- und Liebesgeschichte erzählt. Oder bei Emma Rönnebecks anrührend-schräger Interpretation der Leidensgeschichte eines Berliner Klohäuschens, das lieber ein Zeitungskiosk sein möchte.

Geschichte ist, wenn man weiß, was gestern war.
Gestern? Welches Gestern?

Insgesamt aber hat man immer mehr das Gefühl, dass es Thema-, Personage- und Autor-unangemessen aufgeräumt zugeht. Genügsamkeit herrscht statt Maßlosigkeit, man übt Bravheit statt Exzess und macht sich so selbst zu sehr zum Museum einer untergegangenen Epoche, die man dergestalt hübsch und amüsant auf Distanz halten kann. Allzu fest steckt alles im Korsett dieser agitatorischen Comic-Revue, die die Spieler (ein böswilliger Kritiker sprach ihnen gleich ganz das Können ab) zum Teil sträflich unterfordert. Und das, wo doch unerschöpfliche Mengen Schauspielerfutter in diesem Text und seinen Figuren stecken und wo hinter jedem schillernden Satz eine Portion (Theater)wahnsinn lauert.

Am Anfang wird das Bild des Spiegeleis bemüht für die Insel Berlin im Land DDR. Am Ende ist es eher ein sehr mild gewürztes Rührei geworden. Der Schluss – und das ist dann wieder ein wirklicher, schillernder Theatermoment – gehört Nicolaas van Diepen der sich langsam vom Neffen von Ulla zur Reinkarnation Schernikaus wandelt. Und dann gehört er Schernikau selbst, der uns von der Leinwand aus zuzwinkert – so offen, und doch mit Geheimnis, so jung und gleichzeitig alt, mit einem wunderbaren Leuchten in den Augen. Die Nachwelt wird’s schon richten, wird an einer Stelle gesungen. Die Nachwelt hat es also bislang noch nicht gerichtet, soll es aber gern wieder versuchen. Die Rezensentin will jetzt eigene Schernikau-Entdeckungen machen und geht lesend ab.


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Ronald M. Schernikau. Regie Stefan Pucher. Bühne Barbara Ehnes. Kostüme Annabelle Witt. Musik Christopher Uhe. Video Rebecca Riedel. Videomitarbeit / Live-Kamera Luna Zscharnt. Licht Kevin Sock. Dramaturgie. Malte Ubenauf.

Mit: Sólveig Arnarsdóttir, Rosalie Bergel/Leander Kissiov, Leander Dörr, Sarah Franke, Sebastian Grünewald, Ueli Jäggi, Robert Kuchenbuch, Elisa Plüss, Emma Rönnebeck, Milena Arne Schedle, Dieter Rita Scholl, Katharina Marie Schubert, Sylvana Seddig, Nicolaas van Diepen und den Musikern Chikara Aoshima, Réka Csiszér und Michael Mühlhaus.

Wieder am: 25. Januar und am 8. und 15. Februar 2020

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