sehen sie – der mensch!
woyzeck in den cammerspielen

Eine Komödie, behauptet der Untertitel. Und eine grausame ist das, was Hauptmann, Doktor und Marie hier mit ihrem Woyzeck treiben. In der ausverkauften Nato hatte vergangene Woche Büchners Fragment in einer neuen Bühnenfassung der Cammerspiele Premiere – wir haben uns auf den Menschenversuch eingelassen.

„Meine Damen und Herren, sehen Sie, meine Herren – der Mensch!“ – Jener Mensch, den wir gleich sehen, wird schon vorgeführt und ausgestellt, da hat er die Bühne noch gar nicht betreten. Woyzeck, der brave Soldat und Alimentezahler. Woyzeck, den sein Hauptmann ungestraft verhöhnen darf. Woyzeck, der seine Marie liebt. Woyzeck, das erbsenfressende Versuchskaninchen. Woyzeck, mit Stimmen im Kopf und Wut im Bauch. Und schließlich: Woyzeck, der Mörder.

Woyzeck © Constanze Burger

Was ist der Mensch?  © Constanze Burger

Regisseur Olav Amende hat für die Cammerspiele eine eigene Bühnenfassung geschaffen. Eng an Büchners Original montiert er die Szenen neu und legt seinem Personal, dass aus nur vier Figuren besteht, eigene und fremde Sätze in den Mund. So ist der Hauptmann zugleich Maries neuer Kavalier, der Doktor preist als Marktschreier neben den „Kanaillenvögeln“ auch sein menschliches Forschungsobjekt an. Das passt, geht dramaturgisch auf, gleichwohl wird’s so aber eher eindeutiger, als das es überraschende Assoziationsräume eröffnete.

Ebenso reduziert die Bühne – ein leerer, schwarzer Raum, in dem einfache Lichtwechsel Auf- und Abgänge markieren und so das collagenartige der Szenenmontage verstärken. Ein Stuhl, ein Tuch, ein Messer – sonst keine Requisiten. Reduziert die Kostüme: zeitlos schwarz, weiß, bzw. erst schwarz, dann weiß. Reduziert die Musik: drohend, drängend, treibend. Nix was Halt gibt. Wir scheinen uns hier im Kopf von Franz Woyzeck wiederzufinden, als in der Kammer, auf dem Feld, zwischen Jahrmarktsbuden oder beim Doktor und können ihm somit quasi von innen heraus beim Langsam-Verrücktwerden zugucken.

Hier drinnen umkreisen sich die Büchnerschen Typen – stetig schneller und unaufhaltsam dem festgeschriebenen Ende zu – und deren Spiel folgt man zusehends gern: In Christian Backhauß‘ Woyzeck spürt man es regelrecht brodeln, wenn die unterdrückte Lebenskraft raus will aus dem weißen Anzug, er die geballten Fäuste aber in den Jackenärmeln verbergen muss. Oder ist das doch eher eine Geste der Unsicherheit und des Haltsuchens? Oder beides?

Woyzeck © Constanze Burger

Er zerschlägt ihn .. lange nicht. Christian Backhauß als Woyzeck © Constanze Burger

Bei Georg Herbergers Hauptmann und Falko Köpps Doktor ambivalentiert’s nicht ganz so schön. Dafür liefern beide eine pointierte, sehr unterhaltsame Show der Grausamkeiten ab. Geschmeidig, fischelant und potent der Hauptmann, dem es ein Spaß ist, den Woyzeck zu demütigen; eiskalten Blutes der Doktor, der als Teufel in weiß … ähm … schwarz mit fast diabolischer Freude den Menschen zum Versuchsobjekt degradiert.

Anne Rab gibt ihrer Marie einen verhaltenen Hunger nach Leben und Liebe zwischen Frau- und Mutterrolle, zwischen Halt brauchen und fliegen wollen. Schön das Bild, in dem sie das weiße Unschuldskleid abstreift und ein verruchteres kleines Schwarzes zum Vorschein kommt, das da natürlich immer schon im Verborgenen lauerte. Auch wenn der Vamp Marie im folgenden Behauptung bleibt – unter dem schwarzen Paillettenkleid steckt doch noch immer das unschuldige Mädchen.

Woyzeck © Constanze Burger

Der Woyzeck und seine Marie (Anne Rab). © Constanze Burger

Ein intensiver Abend, ein konzentrierter und ein durchaus kurzweiliger – die knapp zwei Stunden vergehen unerwartet schnell – ein fein gespielter sowieso. Die Reduktion und Konzentration aller Orten nimmt das Stück aber doch sehr aus Zeit und Zwängen, ohne es neu zu verorten und lässt uns auch ein wenig ratlos zurück: im ungemütlichen Kopf vom Woyzeck, gefangen im Schwarz-Weiß, wo man sich ein paar mehr Grauschattierungen gewünscht hätte.


» Woyzeck nach Georg Büchner
Cammerspiele Leipzig
Mit: Anne Rab, Christian Backhauß, Falko Köpp und Georg Herberger. Regie: Olav Amende. Bühne: Tilo Schreieck. Ton: Martin Basman

Nächste Vorstellungen: 5. – 8. April im Werk 2 und vom 9. – 11. April in der naTo – jeweils 20 Uhr