verschwendet eure zeit! sebi hartmann verrückt purpurstaub auf der festspielbühne

Die Inszenierung beginnt mit dem Schild im Vorraum, das mit dem Fehlen einer Pause und die Spieldauer von vier Stunden droht und die Zuschauer einlädt, sich zwischenzeitlich doch gern nach Bedarf zu stärken. Nach Krieg und Frieden 2012 fordert Sebastian Hartmann heuer mit O'Caseys hinterhältige Komödie Purpurstaub das Ruhrfestspiel-Publikum heraus.

Aus den von Steve Binetti – in glühbirnenbekränzt-leuchtendem Hut allein auf der leeren Bühne gespielten Akkorden wird bald ein irisch anmutender, nicht enden wollender, wilder Tanz der sechs Akteure. Ein lustvoller Start und ein gelungenes Gleichnis auf Stück und Theaterabend: Hier werden die Beine geschwungen und fröhlich gejauchzt – solang die Musik spielt, ob ihr wollt oder nicht, und ob ihr noch könnt ist auch egal.

Purpurstaub. Foto: Julian Roeder / Ostkreuz
Purpurstaub. Foto: Julian Roeder / Ostkreuz

Was folgt sind vier Stunden Bildertheater, (Schauspieler)Feuerwerk und – immer wieder – zelebrierte Langeweile. Ein Spiel mit dem Spiel auf dem Theater, herrlich absurde Komik und Nonsens-Dialoge über Hühner, Kühe, Pferde und Primeln, die sich – man höre und staune – tatsächlich so bei O’Casey finden. Auf dem Vorhang steht Purpur, im Hintergrund schiebt sich immer wieder ein Dust in Leuchtbuchstaben durchs Bild und stauben bzw. rauchen tut es ganz gewaltig und wirkungsvoll im Bühnenlicht. Purpur, den wertvollen Farbstoff selbst, gibt es erst ganz am Ende, nutzlos und sich selbst verschwendend wird er als fallender Vorhang auf die Bühne platschen.

Ja, wer bin ich denn?

In Purpurstaub suchen zwei neureiche Engländer das richtige Leben auf einem alten, irischen Schloss. Bis sie merken, dass das Schloss merklich Staub angesetzt hat und das Landleben so gar nicht zu ihnen passt und sie nicht zu Irland, ist es eigentlich schon zu spät. O’Caseys „hinterhältiges“ Stück verlässt mehr und mehr die Pfade konventioneller Komödie in Richtung Absurdistan. Pfade, auf die sich Sebastian Hartmann erwartungsgemäß gar nicht erst begibt. Ihn interessiert nicht Kapitalismuskritik oder wohlfeile Persiflage des stadtflüchtenden Bionade-Biedermeiers, die man hier herauslesen könnte. Hartmann zerlegt Tudorschloss und Stück mit Genuss und reiht beides lose an den großen Fragen entlang wieder aneinander: Wer bin ich? Warum bin ich immer an der falschen Stelle? Zur falschen Zeit am falschen Ort? Wo gehöre ich hin? Und:

Wo ist sie denn nun, die wirkliche Welt?

Auf dem Theater auf jedem Fall nicht, daran besteht kein Zweifel – wollte doch der Autor selbst den Realismus von dort verbannt wissen. Die Kunst und die stillschweigende Wir-spielen-ihr-schaut-Vereinbarung mit dem Publikum, die jenes bald zu großen Teilen aufkündigt, erweisen sich schnell als genauso brüchig wie das alte, stolze Tudorschloss. Die, die gehen und nicht gestärkt zurückkommen, verpassen großartige Schauspieler, eindrucksvolle Bilder und konzentrierte Szenen. Oft aber auch tatsächlich: nichts. Und das ist dann doch wie im richtigen Leben.

Purpurstaub. Foto: Julian Roeder / Ostkreuz
Purpurstaub. Foto: Julian Roeder / Ostkreuz

Wunderbar, wie Holger Stockhaus den Pastor mimt und mit dem verbliebenen Publikum einen Kanon einstudiert oder später gefühlte 20 Minuten lang die Worte „Dritter Akt“ auf jede nur erdenkliche Weise spielt. Herrlich Manolo Bertling als (vierte?) Wand, der es schon seit dem Leipziger „Was ihr wollt“ nicht schafft, einmal an der genau richtigen Stelle aufzutauchen. Zwischen plattestem Witz und großer Groteske Peter-René Lüdicke, der nach eigener Aussage „den ganzen Abend schon den Geizigen von Moliere“ spielt und zwischendurch auch mal ein Ei legt.

Wir können auch die Welt anhalten und aussteigen

Können wir? So unterhaltsam das ist und obwohl die Verlorenheit der Figuren durchaus immer wieder durchschimmert, fehlen Purpurstaub ein wenig die intensiven Momente früherer Hartmann Inszenierungen, die aus Klamauk und Lärm ganz unerwartet und verstörend entstehen, einem kurz den Atem nehmen und im nächsten Moment wieder fröhlich kaputtgespielt werden.

Schon die ganze Zeit bringt die eigentlich recht leere Bühne (Bühnenbild ebenfalls Sebastian Hartmann) mittels Licht, Vorhängen und Rauch ganz erstaunliche Bilder hervor. Gen Ende schieben die Schauspieler immer mehr Kulissenteile immer schneller hin und her und lassen in beinahe schon zu großer Eile immer wieder neue, wahrhaft lebendige Bühnen-BILDER entstehen.

Ein Ende zu finden, scheint schwer. Und so kommt nach dem Schluss noch ein Schluss und noch ein Schluss und keinen Schluss findet Steve Binetti, der, wieder lampenschirmähnlich-leuchtend behütet – auf der dunklen Bühne noch Takte spielt, als ihn die anderen schon längst nach hinten gerufen haben. Den verbliebenden Zuschauern reichen die Schauspieler am Ende in ehrlicher Geste die Hände. Was war das für ein komischer, nerviger, bildgewaltiger, langweiliger, absurder, verrückter, erfrischender Marathon! Ach, bitte, verschwendet doch noch öfter so unsere Zeit!

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