no way back – die leipziger uraufführung verortet heinz helles endzeitparabel in einer turnhallen-wirklichkeit

Heinz Helle erzählt in eigentlich müssten wir tanzen von einer Gruppe schon etwas in die Jahre gekommener Jugendfreunde, die nach einem winterlichen Berghüttenwochenende in die Zivilisation zurückwollen und eine komplett zerstörte Welt vorfinden – in Schutt und Asche, leichenübersät. Wir folgen dem Ich-Erzähler und seinen vier Kumpels, die seltsam gefühlskalt und schicksalsergeben durch die postapokalyptische Landschaft streifen. Getrieben von einem nicht tot zu kriegenden Überlebenswillen, aber ohne Ziel und die notwendigen Überlebensfähigkeiten: Wie in einem Kinderabzählreim dezimiert sich die Gruppe.

 

eigentlich müssten wir tanzen © Rolf Arnold

eigentlich müssten wir tanzen © Rolf Arnold

Welcher Art die Apokalypse war, erfahren wir nicht. Nicht, wie lange die Freunde schon unterwegs sind. Und auch nicht, warum und wohin sie eigentlich gehen. Es scheint das Gehen selbst zu sein, dass sie am Leben hält. Das ist kein Endzeit-Abenteuer, sondern eine Parabel auf unsere satte, ist-doch-egal-einfach-weitermachen-Welt, verfasst in einer unterkühlten, genau beobachtenden, ja poetischen Sprache. Die Bilder dazu schleichen sich quasi von hinten ins Hirn und hinterlassen dort ein unterschwelliges Grauen, aber auch eine Art kalter, klarer Schönheit.

Beim Lesen des gleichnamigen Romanes, den Helle selbst im Auftrag des Schauspiels zu einen Theatertext umgearbeitet hat, fragt man sich, wie das auf dem Theater funktionieren … nein … was das auf dem Theater sein kann. Es ist auf jeden Fall eine schwierige, weil hauptsächlich doch beschreibende Spielvorlage geworden, der Regisseur Daniel Förster nun beizukommen versucht.

Wenn die Zuschauer in der Diskothek Platz nehmen, liegen die fünf Spieler schon auf den Pritschen in einer zum Notaufnahmelager umfunktionierten Turnhalle (Bühne: Mariam Haas und Lydia Huller). Siegerpose und Angstschweiß, Basketball und Sprossenwand: Anfangs scheint das schlüssig, ist es doch einer der Orte, wo die Jugendfreundschaft ihren Anfang genommen hat. Als Spielraum für den ganzen Abend greift es zu kurz. Ein in der Not aufnehmendes Lager ist in der Geschichte nicht vorgesehen. Und so, wie die Figuren auf ihrem letzten Weg nirgends ankommen, finden die Spieler auf der Bühne nicht wirklich aus ihrem allzu realistisch ausstaffierten Raum heraus.

eigentlich müssten wir tanzen © Rolf Arnold

eigentlich müssten wir tanzen © Rolf Arnold

So wird der Weg zum Kammerspiel, zur Versuchsanordnung, in der aber eher wenig versucht, dafür viel beschrieben wird. Zum Beispiel, wie die Freunde eine verletzte Frau vergewaltigen; ein kleines Kind finden und es ebenso zurücklassen, wie den verletzten Freund; wie einer nach dem anderen den Tod findet. Der unter den Spielern aufgeteilte Erzählstrom ist mit einzelnen Dialogszenen versetzt; in die Erzählung vom Todesmarsch werden Erinnerungen an die gemeinsame Jugendzeit eingeschoben. Und Situationen aus dem Alltag vor der Katastrophe.

Da war’n es nur noch …

Die gefallenen Kameraden kehren nämlich in Frauenkleidern wieder – warum, erklärt sich trotz Hirnverrenken nicht – und spielen komisch-traurige Szenen aus ihren verlorenen Leben: Brian Völkner versucht, Versicherungen an den Mann, in diesem Fall an Heiner Kock, zu bringen; der wiederum ärgert sich als Bauherr mit reklamierenden Kunden herum. Felix Axel Preißler philosophiert in einer Lagerhalle über abertausende nagelneuer Herrenunterhosen und deren späteren Inhalt. Die ‚ganz normalen‘ Biographien erscheinen aus dieser Perspektive genauso sinn- und trostlos, wie das tumbe, ziellose durch-die-Landschaft-laufen nach der Apokalypse.

Je mehr aber Daniel Förster und Ensemble versuchen, dem Abend eine (Gruppen)Dynamik und Empathie einzupflanzen, desto mehr scheint sich der Text dem zu entziehen. Dieser Endzeit-Kunstparabel ist so wohl einfach nicht beizukommen. Auf den unterkühlten, aber einen starken Sog entwickelnden Rhythmus der Vorlage mag sich die Inszenierung nicht einlassen, etwas Eigenes dagegenzusetzen gelingt nur bedingt.

Wenn, dann sind es aber doch die Spieler-Momente des durchweg starken Herrenensembles. Heiner Kock, der ungläubig staunend die eigene Überlebensunfähigkeit konstatiert – als es die fünf gut ausgebildeten Männer partout nicht schaffen, eine Heizungsanlage in Gang zu setzen. Oder Thomas Braungardt, der wieder zum Quoten-‚Dicken‘ der Gruppe Jungs wird und im Ballspiel zum Spielball der anderen.

Wohin die Reise auch hätte gehen können, zeigt sich am ehesten, wenn sich Felix Axel Preißler die Worte mal hernimmt und ein bisschen darauf herumkaut, sie – vorsichtig zwar, aber immerhin – be-fragt. Und gleichzeitig die Spannungen des Textes förmlich in sich aufzusaugen scheint. Und dann arbeitet’s da drinnen. Ganz körperlich. Und kräftig widersprüchlich. Ein Energiezentrum des Abends.

eigentlich müssten wir tanzen © Rolf Arnold

eigentlich müssten wir tanzen © Rolf Arnold

Die größte Intensität gewinnt die Inszenierung gen Ende. Fast atemlos werden jetzt die verschiedenen Erzählebenen ineinander verschränkt. Als steckten die Männer in verschiedenen Geschichten fest, oder an verschiedenen Stellen ein und derselben. Wunderbar, Wenn dann alle im eiskalten Panoramarestaurant tanzen – verzweifelt zuerst, schwerfällig, nur nach Wärme gierend, dann wild und fast glücklich und leicht, als hätte sich in ihnen etwas gelöst. Erlöst – zumindest für einen Moment. Und wenn ganz am Schluss die fünf, nun sämtlich in Frauenkleidern, stumm einen einzigen Körper bilden: Wir.

Wir waren immer sicher, dass wir jederzeit umkehren können. Und dann wäre wieder, was war, ehe wurde, was ist. Wir.

Dem eindringlichen, mehrfach wiederholten Mantra zum Trotz gibt es kein Zurück. Weder vor und schon gar nicht nach der Apokalypse und vermutlich auch nicht für den Ich-Erzähler Timo Fakhravars, der als letzter Überlebender in einem wunderschönen Schlussmonolog die Freude an ganz alltäglichen Dingen beschwört. Welche man ja meist erst zu schätzen weiß, wenn man sie verloren hat. Eine Binsenweisheit? Schon. Wir nehmen uns trotzdem vor, ab jetzt ebenfalls an jeden neuen, herrlich normalen Tag aus dem Bett zu springen wie das Petersburger Ballett. Kann ja nicht schaden.


» eigentlich müssten wir tanzen
Von Heinz Helle nach einem Roman von Heinz Helle. Regie Daniel Förster. Bühne & Kostüme Mariam Haas und Lydia Huller. Mit Thomas Braungardt, Timo Fakhravar, Heiner Kock, Felix Axel Preißler und Brian Völkner.

Wieder am 9. und 17. Februar, Diskothek, Schauspiel Leipzig