Immer noch Sturm | Thalia zu Gast an der Volksbühne

ein allererstes letztes mal und der iffland-ring: reihesieben guckt gotscheff

Manchmal ist ein allererstes Mal auch das allerletzte: Ein kurzes Eintauchen in eine Welt, die gleich darauf untergehen wird. So ist das mit uns und Dimiter Gotscheff. Sein Immer noch Sturm erlebte am vergangenen Freitag seine allerletzte Aufführung – eine Dernière und zugleich die erste Gottschef-Inszenierung, die wir je gesehen haben (werden). Dazu eine ganz besondere Vorstellung: hat doch Hauptdarsteller Jens Harzer am selben Tag den Iffland-Ring bekommen. Wir sind sehr wehmütig, aber zugleich auch über die Maßen froh und dankbar, diesen in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Abend gesehen zu haben.

Immer noch Sturm © Armin-Smailovic

Immer noch Sturm © Armin Smailovic

Auch auf der Bühne sehen wir eine untergegangene Welt. Die Welt Peter Handkes, die einer Familie, die des Völkchens der Kärntner Slowenen – alle werden von der großen Weltgeschichte durchgeschüttelt. Wir sehen eine Geschichte von Fremde und Heimat und von Heimat in der Fremde. Vom Anderssein und Stolz. Von der identitätsstiftenden Kraft und der trennenden Macht der Sprache. Von Apfelbäumen, von Freiheit und Verlust und von enttäuschten Hoffnungen.

Welche Zeit ist denn das hier?

Wie Blätter fallen diese unablässig aus dem Bühnenhimmel. Keine bunten Herbstblätter sind das, sondern saftig-grüne, zu früh gefallene Frühlingsblätter und bald bedecken sie den ganzen Bühnenboden. Der Sohn – Jens Harzer ganz in schwarz und mit Sonnenbrille – sitzt am Bühnenrand und lässt vor unsern Augen die Welt seiner Ahnen auferstehen. Die Mutter, die Großeltern, die drei Onkel und die Tante, die alle nur Düsterschwester nennen. Hat er sie gerufen? Suchen sie ihn heim? Wohl beides. Auch er gehört in diese Familie und doch bleibt er ein Fremder in dieser Ahnen-Welt, der öfter vom Bühnenrand aus zuschaut, als sich unter seine Leute zu mischen. Und tut er es doch, finden seine Füsse dort keinen sicheren Boden.

Beschworen werden die glücklichen Jahre vor dem Krieg. Aber waren sie wirklich glücklich in dieser Familie, in der das Wort Tragödie verboten ist, aber ebenso das Wort Liebe? In der die eine Tochter keinen Platz für sich findet – genau wie die ganze Sippe unter den österreichischen Nachbarn. Dann kommen die Deutschen und der Krieg und der Widerstand und am Ende sind von drei Söhnen und zwei Schwestern noch einer übrig. Und eine sucht den Vater ihres Kindes tief im gerade-noch-Feindesland.

Du bist ein Apfelmensch und ein Apfelmensch ist nicht für den Krieg.

Wie lichte, aus der Zeit gefallene Traumgestalten tanzen diese Ahnen-Menschen im Blätterregen über die Bühne, für kurze Zeit herausgelöst aus dem tiefen Dunkel des Vergessens. Überaus leicht ist das und unfassbar schwer, wortverspielt-zart und erdverbunden-derbe, komisch und tragisch zu gleich.

Bibiana Beglau als Düsterschwester, verzweifelt auf der Suche, zerrissen, aber doch ganz bei sich und überaus präsent, selbst dann, wenn sie mit dem Rücken zum Publikum wartend am Bühnenrand steht. Hans Löw, Steffen Siegmund und Tilo Werner als so ungleiches Brüdertrio. Die wunderbare Gabriela Maria Schmeide – ruhig, verhalten und doch mit einer ganz großen Spannung über den ganzen Abend, die sich dann entlädt wie ein Vulkan. Oda Thormeyer als schillernde, neckende, immer lachende Mutter, hinter deren jugendlicher Fassade erst nach und nach die alte Seele aufscheint. Andreas Leupold – kurzfristig eingesprungen und ein ganz wichtiger Angelpunkt des Abends, der die ganzen, herumschwirrenden Ambivalenzen in seiner Figur aufzusaugen scheint und bei dem ein Blick ins Gesicht gleich hundert Geschichten erzählt.

Der, den ich mir da hinten aus dem Bauch geredet habe ..

Und natürlich: der großartige Jens Harzer, der diese ganze Welt in dem Moment erschafft, in dem er Handkes Worte spricht, so als wären’s die ureigenen, die ihm Jahrhunderte lang in der Seele wohnten, nun gerade eben durch den Bauch in den Kopf kommen und unbedingt gesprochen sein wollen. Der die Erinnerungsfäden zieht und doch selbst gezogen wird. Und der am Ende zu einem Wahnsinns Monolog ausholt, der einen nach vier Stunden zuschauen noch einmal ganz neu und voll erwischt.

Fast hypnotisch hat sich während des Spieles eine geradezu sinnbildhafte optische Täuschung eingestellt: durch den steten Blätterfall abwärts scheinen – lässt man kurz den Blick schweifen – die Bühnenwände nach oben gen Himmel zu streben und den Theaterraum zu sprengen zu wollen. Und selbst die Zuschauer in den Reihen vor uns scheinen zu so wachsen, sich zu strecken – ein Stück größer zu werden durch große Kunst.

Acht Jahre ist diese Inszenierung alt, Premiere war 2011 bei den Salzburger Festspielen. Nun hört der Blätterregen für immer auf. Und so ist dieser Freitagabend in mehrfacher Hinsicht auch ein Lehrstück über die Vergänglichkeit – nicht nur des Theaters. Eine Vergänglichkeit, die so notwendig ist wie schmerzvoll. Als es beim Schlussapplaus vor komplett stehendem Saal noch herzliche Glückwünsche zum Erhalt des Iffland-Ringes für Jens Harzer gibt, steigen nicht wenigen die Tränen in die Augen.

Ein Geschenk ist dieser Abend. Wir verneigen uns einmal tief gen Himmel und ganz weltlich vor diesen unglaublichen Schauspielern. Sau haben, sagt man im Jaunfeld, wenn man Glück hat. Wir haben ziemlich sau gehabt, wenigstens diesen Zipfel Gotscheff-Welt erhascht zu haben. Und werden jetzt Handke lesen.


» Immer noch Sturm
Peter Handke. Regie Dimiter Gotscheff. Thalia Theater Hamburg. Premiere bei den Salzburger Festspielen 2011.
Bühne Katrin Brack. Kostüme Ellen Hofmann. Musik Sandy Lopicic. Mit Bibiana Beglau, Jens Harzer, Andreas Leupold, Hans Löw, Gabriela Maria Schmeide, Steffen Siegmund, Oda Thormeyer, Tilo Werner sowie den Musikern Matthias Loibner und Sandy Lopicic.