COMEBACK Paris - Monte Carlo - Leipzig | Krystallpalast Varieté Leipzig

nix kaputt! reihesieben goes varieté

Auf den Bühnen, die wir sonst so besuchen, wird eher mit Worten jongliert als mit Bällen, Teppichen, Keulen oder gar dem lebenden Objekt. Trotzdem haben wir uns neulich ins Varieté getraut und eine vergnügliche Show mit ziemlich guten Conferencier erlebt.

© Sasha Torgushnikova

© Sasha Torgushnikova

Housch-ma-Housch ist back, wirbt das Krystallpalast Varieté Leipzig für die neue Show, die folgerichtig COMEBACK Paris – Monte Carlo – Leipzig heißt. Denn in Paris und Monte Carlo hat der aus der Ukraine stammende Künstler, der mit bürgerlichem Namen Semen Shuster heißt, gerade einige wichtige Preise der Zirkuswelt abgeräumt.

Der Clown mit zu großer Krawatte, einer Frisur irgendwo zwischen Einstein und Steckdose und einem Hang zu nostalgischem Schwarz-Weiss muss in einem zauberhaften Zeichenfeder-Trickfilm zunächst einmal die richtige die Tür zur Bühne des Varietés finden, dann steht er vor einen Saal voller amüsierwilliger Zuschauer. Die ihm aber längst nicht gebührend laut applaudieren. Und schon hier erweist sich Housch-ma-Housch als sympathischer Menschen-Dirigent, der wunderbar mit seinem Publikum spielen kann – nach einen „enttäuschten“ Abgang klappt’s beim zweiten Mal natürlich mit dem Applaus.

Mit ganz wenigen Worten, dafür aber mit lebendigster Mimik; mal überraschend skurril, mal durchtrieben-schlau, mit Augenzwinkern und Hintersinn erdet er einen durchaus kurzweiligen Varieté-Abend, der allerhand Akrobatik und Jonglage und einige Oh’s und Ah’s bereithält. Ein kluger Menschenkenner steht da vorn, ein Meister der feinen Melancholie, der aber auch der zupackenden Komik nicht abgeneigt ist und dabei selbst derbe Witze in federleichten Fein-Sinn verpackt.

Einer, der sein Publikum auch gern veralbert, dem man aber natürlich nicht böse sein kann. Da lässt er hinterhältig die Frisur der leicht verängstigten Dame an Tisch zwei qualmen, klaut ungeniert Handtaschen und schließt den Gast aus der ersten Reihe mal eben mit der Bühnenelektrik kurz. Ergebnis: kaputt! Macht aber nix – schließlich bringen die auftretenden, internationalen Künstler eine atemberaubende Eigen-Energie mit.

In den Seilen hängen mal anders ... Comeback im Krystallpalast © Stefan Hoyer

In den Seilen hängen mal anders … Comeback im Krystallpalast © Stefan Hoyer

So Vanessa Alvarez aus Spanien, die mit im doppelten Sinn musikalischer Beinarbeit aufwartet: mit schnellen Füssen lässt sie zunächst kleine Teppiche fliegen, dann wirbeln zu selbigen Klängen tatsächlich (Flamenco)Gitarren durch die Luft. Sergej und Vlad brauchen später gleich gar kein Jonglage-Requisit mehr: da wirft der große einfach den kleinen Akrobaten per pedes in die Luft und lässt ihn Salti schlagen. Ikarische Spiele, heißt das und schaut erstmal ein bisschen gewöhnungsbedürftig aus. Bald staunt man aber schon sehr ob der präzisen eingesetzten Kraft bei diesem hohen Tempo.

Dazwischen versteigt sich Charlotte de la Bretèque mit einer verblüffenden Nonchalance und Leichtigkeit in einem Vorhang aus vielen, vielen Seilen und turnt hoch hinaus bis in die Krystallpalast-Kuppel. Atem anhalten heißt es auch bei Mushegh Khachatryan aus Armenien, der per mannshohem Einrad über die jetzt doch ziemlich klein erscheinende Bühne auf die ersten Tische zusaust und dabei auch noch mit einem Kaffeeservice jongliert. Es gibt noch mehr erstaunliche Jonglagekunst und immer wieder kleine, feine, witzige Szenen-Ideen – wir wollen aber natürlich nicht alles verraten.

Comeback im Krystallpalast © Stefan Hoyer

Comeback im Krystallpalast © Stefan Hoyer

Was allen Künstlern neben ihrer großen Professionalität noch gemein ist, ist eine große Herzlichkeit und eine unerwartete, wohltuende Unprätentiosiät. Es dauert immer einen Moment, bis man begreift, was man da eigentlich gerade sieht. Das große Wow! kommt hier sozusagen langsam um die Ecke, wirkt dafür aber umso nachhaltiger – sowohl in den einzelnen Nummern als auch in der feinen Dramaturgie des ganzen Abends. Wenn jetzt noch die Musik statt vom Band von einer kleinen Band käme und die etwas störende Leinwand bei Nichtgebrauch verschwände – man würde vollends mit diesem subtilen, magisch-akrobatischen Kosmos aus der Zeit fallen.

Aber wir wollen wieder zu viel und kennen uns mit den Produktionsbedingungen im Varieté auch wirklich nicht aus ;-)! Housch-ma-housch hingegen kennt sich sehr gut aus – vor allem mit seinen Pappenheimern im Publikum. Die sind der kalkulierten Schadenfreude natürlich so gar nicht abhold, wenn der Tischnachbar mal wieder auf die Bühne muss. Da ist selbiger aber trotz des zielsicheren Spotts unseres neuen Lieblingsclowns ganz gut aufgehoben. Mit viel Herzenswärme und seinem ein wenig versponnenen Charme hat dieser eh längst alle um den kleinen Finger gewickelt. Eingesponnen gewissermaßen – für zwei Stunden in eine andere Welt.


» COMEBACK Paris – Monte Carlo – Leipzig
Künstlerische Leitung: Urs Jäckle. Mit Semen Shuster (Housch-ma-Housch), Aleksandr Kuskov, Vladylslav Koshovyi (Sascha & Vlad), Mushegh Khachatryan, Charlotte de la Bretèque, Alexander Koblikov, Vanessa Alvarez und Sergey Koblikov

SHOWS vom 6. März bis 29. Juni 2019, Krystallpalast Varieté Leipzig.