"Geliebte Stimme" | Schaubühne Lindenfels, Treppentheater

leg nicht auf! olav amendes konzentriertes kammerspiel einer verlassenen frauenseele

Das Publikum nimmt auf der relativ steilen Treppe platz, die sonst zum Kinosaal der Schaubühne führt. Das ist eine anspruchsvolle Übung – unter anderem sind die eigenen Beine so zu falten, dass man es eine gute Stunde aushalten kann ohne dem Vordermann die Knie in die Rückseite zu rammen – wird aber belohnt vom besonderen Charme des (Spiel)Raumes und einer sehr sinnfälligen Draufsicht aufs Geschehen …

Die geliebte Stimmer © Hrushchak

Die geliebte Stimmer © Ruslan Hrushchak / www.ruhru.de

Die junge Frau auf dem Treppenabsatz steckt hier im Wortsinn ganz unten, in der Sackgasse ihrer Gefühle fest und windet sich unter den Blicken der Zuschauer fast wie unter einem Mikroskop.

Eine Liebe ist aus. Er wird eine andere heiraten, die Frau bleibt verlassen zurück. Ein letztes Mal werden sie noch telefonieren. Alltägliches – was wird mit dem Hund? Hast du meine Lederhandschuhe? – will geklärt sein. Es beginnt ein Monolog, ein Spiel um Selbstbehauptung und Selbstaufgabe, um Lüge, Selbstbetrug und Manipulation.

Ich fragte, ob du mich jetzt besser verstehst?
Weil ich dich SO GUT verstehe

Ein Sessel, ein Tisch, zwei Scheinwerfer, eine Frau, ein Telefon. Mehr brauchen Regisseur und Spielerin nicht für Jean Cocteaus Telefonmonolog, der beinahe 90 Jahre auf dem Buckel hat und im Treppentheater der Schaubühne Lindenfels ganz wunderbar und fast magisch aus Raum und Zeit gefallen zu sein scheint. Und so ganz zeitlos den Schmerz einer Trennung thematisiert, denn so manche Dinge sind erstaunlich gleich geblieben.

Heute würde sie vermutlich verzweifelt auf die nächste Whatsapp vom ihm warten, anstatt um das schwarze Wählscheiben-Telefon herumzuschleichen. Aber solche oder andere Aktualisierungen sind die Sache Olav Amendes nicht. Zum Glück. Er verlässt sich ganz auf seine Spielerin, den Text und die Phantasie der Zuschauer, um die Leerstellen in selbigem zu füllen.

Das Telefonieren samt den Widrigkeiten der Technik – so ist immer mal wieder die Verbindung weg oder eine dritte Partei in der Leitung – eignet sich schon an sich ganz großartig als Metapher für die Beziehung und deren Ende. Du bist soweit weg! haucht Annika Gerber am Anfang in den Hörer; Trennen Sie uns nicht! herrscht sie das Frollein von der Vermittlung später an. Dabei ist letzteres ja längst passiert und ersteres die unausweichliche Folge davon.

Macht sie sich oder ihm etwas vor, wenn sie, mit bemühter Leichtigkeit behauptet, das Leben würde eben weiter gehen und alles sei in Ordnung? Ist es noch ehrlich oder schon manipulativ, wenn sie schließlich den missglückten Selbstmordversuch beichtet? Ist da überhaupt noch jemand am anderen Ende der Leitung? Und wenn nicht, seit wann schon nicht mehr?

Die geliebte Stimmer © Ruslan Hrushchak

Die geliebte Stimmer © Ruslan Hrushchak

Diese Ambivalenz zwischen Ruhe und Ausbruch, Selbstbehauptung und -aufgabe spielt Annika Gerber mit Fortschreiten des Abends immer überzeugender, fein legt sie ihre Netze aus, lockt auf falsche Fährten, lauert, beschwört, fällt ins Bodenlose, wird laut, verstummt. Dass das anspruchsvolle Unterfangen, über eine Stunde lang ganz allein Spannung und Fallhöhe zu halten, noch nicht in allen Momenten gleich gut gelingt, kann diesen konzentrierten, sehr eigenen und dabei sehr unterhaltsamen Abend nicht wirklich schmälern.

I Got You Under My Skin hat Gwen Kyrg eingangs mit warmer, tiefer Stimme gesungen, am Ende haucht die Sängerin Jaques Brels Ne me quitte pas ins Mikrophon: Verlass mich nicht!


» Die geliebte Stimme
Nach Jean Cocteau. Regie Olav Amende. Musik Gwen Kyrg. Kostüm Alisa Hecke. Mit Annika Gerber.

Noch einmal am 23. und 24. September im Treppentheater der Schaubühne Lindenfels.
Achtung, kein Vorverkauf! Reservierungen unter service@schaubuehne.com / 0341-484620.