"Messa da Requiem" | Oper Halle

neuer klang-raum in halle: verdis totenmesse in der raumbühne babylon

Letzte Woche habe ich noch über einen haarigen Affen im Schauspiel Frankfurt berichtet, nun ist mir gleich eine ganze Horde, besser gesagt ein Chor Affen auf der Bühne begegnet. Aber der Reihe nach …

Vor zwei Jahren wurde die Intendanz von Florian Lutz an der Oper Halle in der Raumbühne Heterotopia eröffnet. Bühnenbildner Sebastian Hannak wurde dafür mit dem Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. Seit letzten Freitag gibt es nun in Halle die Raumbühne Babylon zu bestaunen. Zur Eröffnung gab es die Premiere von Verdis Messa da Requiem. Eigentlich ein Musikstück, das man eher in einem Konzertsaal vermuten würde, aber schon Verdis Zeitgenossen entdeckten opernhafte Züge an dieser Totenmesse.

Eine neue Raumbühne an der Oper Halle © Falk Wenzel

Eine neue Raumbühne an der Oper Halle © Falk Wenzel

In Halle ist man zunächst erstaunt, dass Menschen in weißem Overall durchs Haus laufen und per Megaphon verkünden, dass dies keine Übung sei. Vor dem Betreten der Raumbühne wird man instruiert, dass man nun die kontaminierte Zone betreten werde und deshalb einen Schutzanzug anziehen solle. Zudem bekommt jeder Besucher eine Maske in die Hand gedrückt – es ist eine Affenmaske.

Ein paar Schritte später ist man von Affen umringt, die Raumbühne Babylon erinnert eher an den Planeten der Affen. Außer den Besuchern sind auch noch ein paar Menschen da, die über die Bühne gejagt werden oder sich in geschützte Schlupfwinkel zurückgezogen haben. Während dann Verdis Musik erklingt, wird klar, dass die Affen der Chor sind und Großartiges leisten, wenn sie mit Pelzkostüm und Gummimaske auf der Bühne herumtollen, aber dabei natürlich singen. Chorleiter Rustam Samedov hat bei dieser Einstudierung ganze Arbeit geleistet.

© Falk Wenzel

© Falk Wenzel

Im Laufe des Abends erfährt man dann per Video, was hier passiert ist. Begleitet von zunehmenden Aggressionen unter den Menschen hat sich ein Teil der Menschheit zu Affen verwandelt. Die haben schließlich die Herrschaft übernommen, während die letzten verbliebenen Menschen nur versteckt überleben können. Es sind die Solisten des Abends, einer von ihnen lebt in einem ausrangierten Bus, ein anderer ähnelt einem Großwildjäger und zielt auch immer mal wieder mit einem Gewehr in die Massen, eine andere hat sich in einem Labor verschanzt und will die Affen-Verwandlung wissenschaftlich untersuchen.

Bei einem Kampf zweier Affen wird einer getötet, dabei spielt auch ein Knochen eine Rolle – ein Zitat aus „2001 – Odyssee im Weltraum“. Die Affenhorde baut eine Anlage auf, in der Getränkedosen abgefüllt werden. Von weitem sehen diese aus wie eine bekannte Marke, bei näherem Hinschauen sieht man, dass die Dosen den Schriftzug „Dies irae“ und nicht Coca-Cola tragen. Und der Tag des Zorns kommt auch. Während die Affen sich fahnentragend zu Marschblöcken formieren, wollen die Menschen die „Zivilisation wiederherstellen“. Hier dürfen sogar die Zuschauer eingreifen und mit einer „virtual reality“-Brille die Entscheidung treffen, ob die Affen befriedet oder getötet werden sollen.

Schließlich bedecken tote Affen die Bühne und die Menschen übernehmen wieder die Macht. Einer von ihnen betont, dass dieser Massenmord sein musste und man den Menschen nun nicht ewig mit der „Affenkeule“ kommen solle. Worte, die einem aus anderem Zusammenhang bekannt vorkommen. Dachte man bis jetzt, dass die Affen als Sinnbild für Gewaltherrschaft stehen, scheint die Wiedererlangung der Macht durch die Menschen kein Heil zu bringen.

© Falk Wenzel

© Falk Wenzel

Während in einer Art Eucharistie-Feier Wein verteilt wird, werden aus den Affen weißgekleidete blonde Menschen, es könnten auch Engel sein. Nur fraglich, ob sich Engel so benehmen, denn zunächst versuchen sie gemeinschaftlich einer Frau ihr Smartphone zu rauben und kurze Zeit später hält wirklich jedes Chormitglied ein Smartphone in der Hand. Das jetzt folgende „Libera me“ wird von Videoeinblendungen untermalt, in denen moderne Gottheiten angerufen werden (z.B. Steve Jobs) oder die zeigen, wovon der moderne Mensch befreit oder erlöst sein will. Die Wünsche sind nicht sehr hochtrabend, denn was ist schon Erlösung gegen ein Feierabendbier?

Es gibt Einwände, dass die gespielte Handlung mit einer Totenmesse nicht viel zu tun hat. Aber wie will man eine Totenmesse auch spielen? Die Geschichte vom Niedergang und der Wiederauferstehung der menschlichen Zivilisation bietet jedenfalls durchaus Parallelen zu der Thematik von Tod und Erlösung, um die es in der Totenmesse geht.

Und die wieder von Sebastian Hannak gestaltete Raumbühne Babylon? Das Grundprinzip von Heterotopia wurde beibehalten und ein Raum geschaffen, der die Grenzen von Zuschauerraum und Bühne aufhebt. Kleinere Kritiken zu Heterotopia, z.B. die Tatsache, dass beim „Fliegenden Holländer“ das Orchester im Graben saß und nicht von überall gut hörbar war, wurden berücksichtigt. Ungewöhnliche und unvergessliche Theatererlebnisse sind auch hier garantiert.

Die leichte Überforderung des Publikums, das der Handlung auf der Bühne und auf den Videoschirmen folgen kann, sich auf Musik und Gesang konzentrieren möchte und zudem selbst als Affe mitten im Geschehen sitzt, ist gewollt und könnte im Idealfall dazu führen, dass sich der eine oder andere diesen Abend nicht nur einmal anschauen wird. Auf jeden Fall ein spannender und gelungener Beginn des nun bis Anfang Oktober laufenden Eröffnungsfestivals auf der neuen Raumbühne.


» Messa da Reqiem
Guiseppe Verdi. Musikalische Leitung Christopher Sprenger
Regie Florian Lutz. Raumbühne Sebastian Hannak. Kostüm Mechthild Feuerstein. Video Konrad Kästner. Beleuchtung Peter Erlenkötter. Dramaturgie Kornelius Paede. Chor Rustam Samedov. Regieassistenz Lisett Ansorge. Mit Ks. Romelia Lichtenstein / Christina Rümann (28.9.), Svitlana Slyvia, Eduardo Aladren und Ki-Hyun Park / Michael Zehe.

Wieder am: 23. und 28. September sowie am 3. Oktober 2018.