Diesen Mangel nehmen wir persönlich | Lofft

deutsche demokratische defizite – eine herkunftslücken-performance am lofft

Denen, die 1989 oder 90 noch in oder kurz nach der DDR auf die Welt kamen, ist quasi schon bei der Geburt ein Stück Heimat abhanden gekommen. Wie es ist, wenn es das eigene Geburtsland nicht mehr gibt, es aber natürlich trotzdem überall in der Kindheit spürbar ist, versucht Adele Dittrich-Frydetzki in ihrer Performance am Lofft erfahrbar zu machen und dabei ein paar ihrer biographischen Leerstellen zu füllen.

Diesen Mangel nehmen wir persönlich © Stephan Floß
Diesen Mangel nehmen wir persönlich © Stephan Floß

Über der Bühne und dem Zuschauerpodest hängen übergroße T-Shirts. Ein paar mit Motiv oder Text, das größte aber rein weiß und unbeschrieben – ein hübsches Bild für die Identifikation via Selbstzuschreibung unserer Ich-trage-also-bin-ich-Zeit. Kein Shirt – und auch keins von denen, die später noch ins Spiel kommen – will so recht passen und auch mit diesem Nicht-Hineinpassen spielt die Performance nicht ohne feine Selbstironie.

Was haben deine Eltern dir noch nicht über die DDR erzählt?

Man hört die Performerin hinter der Bühne auf und ab gehen, bevor man sie sieht. Nach Power sieht die kleine Frau mit dem Kurzhaarschnitt aus, schon auch ein bisschen nach Punk, aber dabei sehr überlegt. Mit Um-die-30 ist sie genau so alt wie das wiedervereinigte Deutschland. Zum Feiern sieht sie allerdings nicht so rechten Grund und das liegt nicht nur daran, dass der ebenfalls übergroße Bühnen-Geburtstagskuchen seine Süße nur in 2D behauptet. Zu vieles weiß sie nicht über das verschwundene Land, aus dem sie kommt. Und so fragt sie. Und stösst nicht gerade auf übergroßes Mitteilungsbedürfnis, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Schämst du dich,
in der DDR groß geworden zu sein?
Hast du dich frei gefühlt oder kontrolliert?

Unbefriedigt von den (ausbleibenden) Antworten der eigenen Eltern haben Dittrich-Frydetzki und ihre Kollaborateurinnen per eMail andere Nachgeborene um ihre Geschichten und Erfahrungen gebeten. Die, die antworteten, haben tatsächlich Ähnliches zu berichten. Meist war nämlich die jüngste Vergangenheit kein Thema am Familientisch. Jene Antwortmails werden, sich teilweise überlagernd, von Band eingespielt, während Dittrich-Frydetzki auf der Bühne mit simplen, schön bildhaften und nicht uncharmanten Mitteln das eigene Mangeldasein performed. Da klopft sie sich selbst mit dem Mikrophon auf irgendein Echo hin ab, steckt im grauen Flokati-Läufer, quasi einem materialisierten blinden Fleck, fest oder zitiert Werke von DDR-Aktionskünstlerinnen.

Hast du in deinem Jetzt überhaupt noch Zugang zu deinem emotionalen Vorwende-Ich?

Recht schnell fokussiert sich der Abend dann auf die feministische Perspektive und auf Frauenbilderfragen im Aktionskunst-Umfeld der späten DDR. Das engt den Blickwinkel, der eine ganze Nachwendekindergeneration stellvertretend hätte umfassen können, ein, allerdings ohne dabei viel zu größerer Tiefenschärfe zu führen. Denn der Abend steigert sich zwar dramaturgisch in ein – recht überraschendes – Schlussbild, aber inhaltlich bleibt er zu sehr an den Oberflächen und bleibt aller Punk nur Pose. Und so recht persönlich fühlt sich der beschworene Mangel hier vermutlich dann doch nicht.

Der durchaus recht kurzweilige Abend endet im eben schon erwähnten Körper-Bild, dass aber nicht für ebenjene prägenden Leerstellen steht, sondern auf feministisch-aktionistische, zugleich aber unspezifisch-diffuse Weise vermutlich davon erzählen soll, dass die Stimmgewalt und damit die Deutungshoheit auch heute noch den Männern gehört. Aber zumindest ist hier einiges an Fragen aufgeworfen – Fragen, die für die Elterngeneration und diejenigen irgendwo dazwischen genauso spannend sein können, wie für die direkt Nachgeborenen.


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Konzept-Performance-Produktion-Raum: Adele Dittrich-Frydetzki. Konzept-Sound-Interviews: Anna Adams. Technischer-Support-Licht: Klara Lyssy. Dramaturgien-Konzept-Text: Marie Simons

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