the breakdown of the beautiful city neurosia

nachts sind alle irre und einsam – famos-neurotische familienaufstellung am theatrium

Das ist die Stadt, sagen sie. Im Wald davor, da steht das Irrenhaus, sagen sie. In sepiafarbenes Licht getaucht stehen die Bewohner dieser beautiful city auf der Bühne des Grünauer theatrium: ein jeder fest an seinem Platz und wirken doch erst einmal wie aus der Zeit gefallen. Dass die fünfzehn Figuren des generationsübergreifenden Theaterprojektes ganz und gar in unser Heute gehören, wird dann aber ziemlich schnell klar.

 

The Breakdown of the Beautiful City Neurosia © Constanze Burger

The Breakdown of the Beautiful City Neurosia © Constanze Burger

Das getrennte Paar, das über die gegenseitigen Vorwürfen die gemeinsame Tochter vergisst. Die Geschwister, die keine Zeit für die Mutter im Altenheim finden. Der Mitarbeiter, der in Sachen personal effectiveness den Chef noch rechts außen überholt. Der junge Mann, der verzweifelt versucht, die Fußstapfen des Vaters auszufüllen. Das ältere Paar, das nur noch die Gewohnheit zusammenhält: Selbstoptimierung ist das Gebot der Stunde, Egozentrismus Notwendigkeit.

Nachts sind alle irre und einsam.

Kein Wunder also, dass da die Neurosen fröhlich wuchern. Regisseur Falko Köpp und sein Ensemble beweisen dazu auch noch einen grünen Daumen bzw. ein äußerst glückliches Händchen. Eine ausgetüftelte und doch federleicht daherkommende Gruppendynamik herrscht da auf der Bühne. Wie Inseln tauchen die Spieler für ihre Szenen auf und verblassen dann wieder im Dunkel, während der Licht-Spot weiterwandert. Und wie Inseln sind die Figuren schwer oder vielleicht sogar unerreichbar und wollen doch eigentlich genau das Gegenteil: nicht mehr einsam sein.

Es ist sehr anstrengend man selbst zu sein.

Aus den wechselnden Szenen entstehen peu à peu Geschichten, Schauplätze werden verlassen und wieder aufgesucht, Handlungsstränge weitergesponnen. Mit eigenen Texten und solchen von Falk Richter zeichnet das Ensemble so ein lebendiges Sittengemälde irgendwo zwischen TV-Reality-Show und schönster Überdrehtheit. Dass dieses gut sortierte Wimmelbild ganz wunderbar aus den Lebenswelten, Sorgen, Ängsten und Sehnsüchten der Spieler – der jüngste ist 14, die älteste 71 – gemacht ist, merkt man nicht zuletzt an der übergroßen, spielerischen Freude an dieser Art erweiterter Familienaufstellung, die so böse ist wie komisch, knallhart und poetisch, überzeichnet und doch vielschichtig, klug komponiert, aber nie starr.

Sie müssen das aushalten!

Als roter Faden des Abends verteilt eine Art stummer Engel der Empathie unbeirrbar und freundlich Umarmungen an die MitspielerInnen. Aber auch die kann hier keiner an sich heranlassen, so gefangen sind alle in den eigenen Welten. Keiner verzieht auch nur eine Miene und wenn diese Engelsgestalt am Schluss ganz vorn am Bühnenrand steht und wissend ins Publikum blickt, ertappt man sich bei dem Gedanken, sie könnte dort jetzt eigentlich gleich weitermachen.

Am Ende wird deutlich, was man längst schon ahnte: Stadt? Klinik? Alles eins. Und nach der Verteilung der nächsten Pillenrunde an die Patienten gehen alle zurück auf Anfang: Welcome to the beautiful city of neurosia! Wir sagen: Unbedingt einweisen lassen!


» the breakdown of the beautiful city neurosia
Mit Texten von Falk Richter, Falko Köpp, Joachim Kern & dem Ensemble. Regie Falko Köpp. Mit Luc Fichtner, Luzie Hahn, Friedrich Brückner, Gabriela Hamm, Mareili Jahr, Angelika Linge, Brigitte Pittner, Jordan Schineff, Josefine Schmidt, Helga Sieler, Sigrid Sommer, Stephania Tag, Sarah Winter und Anna Zemmrich.

Nächste und letzte Aufführung: 11. Januar 2019, 20 Uhr