Liliom | Sascha Hawemann | Schauspiel Bonn

du elender, roher, widerwärtiger, lieber mensch!

In einer kleine Szene recht am Anfang fragt der Liliom die Julie, ob sie ihn denn lieb habe. „Nein“, bekommt er zur Antwort. Warum sie denn dann bei ihm bliebe, will er wissen. Die Antwort ist ein trotzig-trutziges „Halt so!“. Und ganz genauso-halt-so! wuppt Sascha Hawemann Molnars Kleine-Leute-Rummelplatz-Drama auf die Bühne des Bonner Schauspielhauses: Ohne Erklärungsversuche, ohne Urteil und Wertung, ohne Kirmeskitsch und Vorstadtbierseligkeit. Ein hartes und rohes So isses und dennoch oder deswegen eines voll Herz und Poesie. 

Theater Bonn "Liliom" © Thilo Beu

Theater Bonn „Liliom“ © Thilo Beu

Halt so sind die einen arm die anderen reich. Halt so ist er Rummelplatzausrufer und Weiberheld und sie ein kleines Dienstmädchen mit großem Herzen. Halt so verliebt sich der Liliom, der sich sonst von Frauen nur aushalten lässt, in die Julie und wird deshalb von seiner eifersüchtigen Chefin gefeuert. Sie bleiben zusammen, kriechen bei Freunden unter und der prekäre Alltag bringt, wie das so seine Art ist, nur das Schlechte im Manne zum Vorschein. Bald ist Julie schwanger und Liliom lässt sich auf einen Überfall ein. Der misslingt: voller Scham richtet er sich selbst.

Auf Wolf Gutjahrs Bühne steht kein Karussell. Sie ist größtenteils leer, vorn verdoppelt ein Holzrahmen den Guckkasten, dahinter drehen die jungen Gören auf Rollschuhen Runde um Runde und machen Liliom schöne Augen. Als Fixpunkt steht rechts auf der Seitenbühne ein Piano, links leuchtet statt eines Mondes eine Skulptur aus Leuchtstoffröhren und an der bühnenfüllenden Holzwand im Hintergrund leuchten und verglimmen zwölf mal fünf kleine Sonnen. Später ist das Mobiliar im Wortsinne mobil: Liliom und Julies Zimmer lässt sich hin- und herschieben, wurzellos, wie der Mensch selbst. Immer wieder machen dicht von Bühnenhimmel hängende Leuchtketten die Szenerie zu einem kunterbunten Irrgarten.

Theater Bonn "Liliom" © Thilo Beu

Theater Bonn „Liliom“ © Thilo Beu

Zur Hausmeisterei tauge ich nicht!

Verirren tut sich auch der Liliom zwischen Freiheitsdrang und völlig ungewohnter Verantwortung für einen – und dann zwei – andere Menschen. Holger Kraft gibt ihn als vierschrötigen Kerl mit Wampe, der lachend auf alles scheißt. Als Hallodri und Um-sich-Schläger mit immenser Wut im Bauch, aber auch als Freigeist: Einer, der vor Leben strotzt und sich dessen Zwängen und Gegebenheiten partout nicht unterordnen will. Ein Kraftmeier, der sich unverletzlich glaubt, unter dessen Oberfläche aber fühlbar Schmerz und Ratlosigkeit sitzen. Annina Eulings Julie steht diesem Liliom eigensinnig, furchtlos und leidensfähig gegenüber. Um wieviel stärker scheint sie doch zu sein in ihrer Unbeirrbarkeit und gleichzeitig so zart, dass sie zu verschwinden droht in diesen großen Armen. Zwei nackte, schutzlose Seelen mit gegenseitig beigebrachten blauen Flecken: verletzlich und stark, brutal und schön.

Um die beiden herum zaubern Ensemble und Regie Theatermagie – und verstörende Szenen. Ein bisschen Varieté-Konfettiregen, ein wenig Zirkus, eine Prise Warten auf Godot. Die Himmelsleiter stammt hier aus dem Baumarkt und trotz allem leuchtet ein Sternenhimmel. Eisigkalt wird’s, wenn Liliom im Stroboskoplicht prügelt, dann wieder anrührend-komisch, wenn Lena Geyer und Christoph Gummert als normgerechtes (Zweck)Liebespaar in weißen, lichterkettenbesetzten Kostümen ins Eheleben rollen.

Letzterer taucht im Übrigen bewundernswert wandlungsfähig überall und nirgends auf und ist so etwas wie der rote Faden des Abends. Allerdings keiner, der sich gerade durchzieht. Vielmehr scheint er das Bühneneschehen fast unmerklich zu umwickeln und zu verweben. Gleich zu Beginn begrüßt er uns als Conferencier mit fremden Zungen, ist blondper- und ein wenig entrückt die Frau Hollunder, dann wieder der hübsch sächselnde Drechsler mit braunen Locken auf dem Nischel, gibt den wehrhaften jüdischen Kassierer und den nach unten tretenden Detektiv und am Schluss auch noch goldbedresst-dancend den Herrgott himself.

Theater Bonn "Liliom" © Thilo Beu

Theater Bonn „Liliom“ © Thilo Beu

Statt eines lokalkolorierten Leierkastens dröhnt dazu ein ironisch-kommentierender, fast schon zu passender Soundtrack aus den Boxen: von der heimeligen Karrussell-We Are Family über ein Was-kostet-die-Welt-I Believe In Magic und ein vorsichtig warnendes Just An Illusion bis zu Iggy Pops harten I Wanna Be Your Dog-Punk.

Recht hat keiner,
aber alle tun, als ob.
Einen Scheiß wissen wir.

Heißt Freisein immer, auch ins eigene Unglück laufen zu dürfen? Und wer seid ihr denn, zu urteilen? 16 Jahre nach seinem Selbstmord darf Liliom noch einmal zurück zur Erde, auf der jetzt Tochter Luise ihre Rollschuhrunden dreht. Bei Hawemann schraubt er vorher eine der sechzig kleinen Sonnen aus der Bühnenwand und bringt ihr diesen gestohlenen Stern. Und auch wenn der in einer billigen Plastetüte steckt und auch wenn sie ihn damit (zurück) zum Teufel schickt – der Stern leuchtet. Und so tut das dieser Abend.


» Liliom
Von Ferenc Molnar. Regie Sascha Hawemann.  Bühne Wolf Gutjahr. Kostüme Ines Burisch. Licht Sirko Lamprecht. Dramaturgie Carmen Wolfram. Regieassistenz Emanuel Tandler. Ausstattungsassistenz Julica Schwenkhagen. Inspizienz Maurice Höchst. Soufflage Angelika Schmidt. Mit Holger Kraft, Annina Euling, Lena Geyer, Ursula Grossenbacher, Timo Kählert und Christoph Gummert.

Nächste Vorstellungen: 21. und 26. Februar, 8., 24. und 30. März sowie am 3. April