Warten auf Godot | Robert Borgmann | Schauspiel Frankfurt

nichts zu machen? robert borgmann haut uns den beckett in frischen farben um die ohren

Dieses Schauspiel beginnt schon vor dem Beginn. Der Vorhang schließt und öffnet sich (er soll sich bis zum Ende noch mehrfach so un-ent-schlossen geben) und Samuel Simon aka Estragon schwebt über die Bühne und spricht die ersten Worte wie ein Mantra in den Saal:

Nichts zu machen!

Den platznehmenden Premierenzuschauern am Schauspiel Frankfurt scheinen derweil auf merkwürdige Weise alle Farben entzogen zu sein. Rotes Abendkleid, blassblauer Anzug? Im Saal ist alles unterschiedlos monochrom und, wie auf einer alte Fotografie, auch ein wenig ungesund-bräunlich. Seltsam aus der Zeit gefallen, genau wie Becketts Figuren, wirkt das. Eine subtile aber wirkungsvolle (Farb)Weltverschiebung als Prolog vor dem Theater gewissermaßen.

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

Komm, wir gehen.
–  Wir können nicht.
Warum?
– Wir warten auf Godot?
Ach ja.

 

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

Wie oft wurde seit 1953 wohl schon auf Godot gewartet? Und wie unterschiedlich wurde Samuel Becketts Drama um Wladimir und Estragon nicht schon interpretiert? All das wirft Regisseur und Bühnenbildner Robert Borgmann frohen Mutes über Bord: Tabula Rasa, die Bühne ein leeres Blatt Papier, das beschrieben werden will. Und wird – mit Worten und Farben und Licht.

Im klinischen Weiß ein Gitarrist und sparsame Requisiten: ein schmaler, entrindeter Stamm, eine übergroße, durchsichtige und irgendwie raupenförmige Luftmatratze, die sich erfolgreich dagegen wehrt, besetzt zu werden und –  als Prothese des impotenten Künstlers? – ein übergroßer Pinsel. Langsam vor sich hin schmelzende Eisblöcke versinnbildlichen geduldig, was diese Szenenabfolge, ja vielleicht, was das Leben ist – ein permanenter Übergang verschiedener Zustände, ein Etwas, das sich ständig ändert und doch bleibt, eine Abfolge des Gleichen, das aber doch nie dasselbe ist.

 

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

Die abwechselnd leuchtenden Neon-Wörter an den Bühnenwänden ergeben zusammengenommen ein Zitat aus einem Beckett-Roman, das – liest man im Programmheft nach – von der Unmöglichkeit spricht, den Dingen irgendeine logische Ordnung zu geben. Und wie Godot – oder Gott- selbst bewertet dazwischen ein übergroßer (Social Media?)-Smiley das Geschehen – mal guckt er vergnügt, mal verstimmt, mal traurig. Welchen Göttern haben wir uns da nur in Hand gegeben?

Wir werden alle verrückt geboren.
Einige bleiben es.

Auch Wladimir und Estragon erfahren eine Verjüngungskur. Samuel Simons Estragon ist zudem so spindeldürr und lang, dass er sich sogar hinter dem schmalen Baumstamm verbergen könnte, und hat eine ganz eigene Verletzlich- und große Zartheit. Isaak Dentlers Wladimir dagegen ist die lebensprall-leidenschaftliche, aufbrausende Triebfeder der Nicht-Handlung. Ein sehr zu Herzen gehendes (Liebes)Paar geben die beiden ab: so lang zusammen, dass sie eigentlich satt sind aneinander, aber permanent scheiternd im Versuch, sich zu trennen. Dazu kommt das andere sonderbare Paar: Heiko Raulin körper- und stimmgewaltig als Herr Pozzo und Max Mayer mit bewundernswerter Gleichmütigkeit als Knecht Lucky, der stetig strauchelt und dennoch im beredtem Schweigen der standhafteste der Vier zu sein scheint.

 

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

Es tut sich erfahrungsgemäß nicht viel beim Warten, und was man tut, damit die Zeit vergeht, hat man kurz darauf schon wieder vergessen. Borgmann dehnt die Zeit sogar noch mehr, in dem er Szenen des ersten Aktes wiederholen lässt. Aber langweilig wird’s nie, auch wenn die Spieler damit hin und wieder Richtung Publikum kokettieren. Im Gegenteil – von Minute zu Minute, von Szene zu Szene verdichtet sich der Abend, findet sein Zentrum und zu immer größerer Intensität.

In diesem wunderbaren Text leuchten immer wieder tragikomische Geistesblitze von poetischer Kraft und Schönheit auf. Ebenso kraftvoll und ebenso jede Eingängigkeit verweigernd sind die Bilder, die entstehen, wenn Carsten Rüger Spiel und Spieler in kubistische Farbstimmungen taucht oder flackernde Lichtblitze über die Bühne schickt. Und Philipp Weber macht aus diesen Wort-, Farb- und Licht-Kanonaden einen Sound, der einem zusammen mit dem herzzerreißend absurden Spiel beinah die Tränen in die Augen treibt.

 

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

Wir haben hier nichts mehr verloren.
Woanders auch nicht.

Mag dieser Abend auch ab und an etwas zu absichtsvoll kunstgewollt um die Ecke kommen – In der Hauptsache malen Borgmann und Team mit wohltuend frischen Strichen, leichter Hand, aber großer Ernsthaftigkeit trotzig in die Sinnlosigkeit des Seins. Und stoßen gerade dort auf eine neue schöpferische Kraft. Und ist das Ende tatsächlich auch das Ende? Oder geht das Stück irgendwo einfach weiter? Und weiter? Eine schöne Vorstellung, finden wir. Und der Vorhang scheint derselben Meinung zu sein: er will sich nicht schließen über diesem Gesamtkunstwerk-Happening und vollführt einen letzten, absurden Tanz.


» Warten auf Godot
Samuel Beckett. Bühne und Regie Robert Borgmann. Kostüme Bettina Werner.  Musik Philipp Weber. Video und Lichtdesign Carsten Rüger. Dramaturgie Lukas Schmelmer. Mit  Isaak Dentler, Max Mayer, Heiko Raulin, Samuel Simon und Joel Borod / Shai Hoppe als Junge.

Next shows: 18., 24., 25. und 31. Januar sowie am 4., 6., 13., 14. und 23. Februar 2019 am Schauspiel Frankfurt.