Vor Sonnenaufgang | Schauspiel Bonn

kein wunder geschehe – hawemann lotet in bonn nicht nur familäre schmerzgrenzen aus

Neuer Abend, neue Stadt, neues Theater - nach Sascha Hawemanns Dämonen-Premiere in Dortmund sind wir gleich noch ein Stück weitergereist: Am Bonner Schauspielhaus läuft seit Oktober eine Inszenierungdesselben Regisseurs. Vor Sonnenaufgang (in der Übertragung von Ewald Palmetshofer) ist ebenfalls eine großer Schauspielerabend, aber ein ganz anderer ...

Vor Sonnenaufgang am Schauspiel Bonn © Thilo Beu
VOR SONNENAUFGANG von Ewald Palmetshofer am Schauspiel Bonn © Thilo Beu

Wo dort die überbordenden, sich überlagernden und ineinandergreifenden Text-Bild-Welten schwindelig machen, herrscht hier eine fast karge Konzentration auf den Kern der Sache und auf die Figuren. Keine großen Bilder, keine schauspielerischen Extemporés, kein entfesseltes Klavier, nicht mal Bühnennebel. Stattdessen herrscht auf der Bühne und im fast naturalistisch daherkommenden Spiel eine große Klarheit, brechen die Verletzungen hinter den Menschenfassaden hervor und verstecken sich Unsagbarkeiten in perfiden Gesten, die einem Schauer über den Rücken jagen.

Weißt du jetzt, dass du frei bist?
Weißt du jetzt, wer du bist?
Weißt du jetzt, was du tun willst?
Komm schlaf bei mir/Ton Steine Scherben

Dass hier kein Glück wohnt und wohl auch keines mehr einzieht, ahnt man gleich. Wolf Gutjahr hat in bekannter Manier einen kleineren, drehbaren Guckkasten in den großen der Bonner Schauspielhausbühne gestellt und deutlich und sparsam ausgestattet: Das unheimelige Heim der Familie Krause. Auf der einen Seite ein langer Tisch, daneben gleichmal das Klo – der einzige Ort, wo die Geschäfte von Ol‘ Krause noch einigermaßen laufen. Auf der Rückseite flackern Leuchtstoffröhren überm Sofa und im Kühlschrank von Bosch kühlt das Dosenbier neben Biomilch. Auf der Seite verweist ein Haufen Knochen auf die unrühmlichen Verstrickungen des Familienbetriebs im Nationalsozialismus, an der gegenüberliegenden Wand ist ein K aus der Spanplatte gesägt. K wie Krause. K wie kein Plan. K wie Kummer.

Tolstois berühmte Feststellung, Jede unglückliche Familie sei auf ihre eigene Art unglücklich scheint hier eher nicht zuzutreffen. Diese Krauses sind so banal und hilflos unglücklich und haben dieselben Leichen im Keller wie viele andere auch. Dem Familienbetrieb geht es nicht wirklich gut. Dem entweder saufenden oder depressiven Vater geht es nicht gut. Den beiden Töchtern – die eine mindestens depressiv und hochschwanger, die andere einsam, pleite, frustriert und zu alt, um wieder im Elternhaus zu wohnen – geht es überhaupt gar nicht gut. Die Frau leidet mal still, mal laut an der Vergeudung des eigenen Lebens. Schwiegersohn Thomas ist mit dem selbstgewählten Schicksal auch nicht wirklich glücklich Und selbst Alfred, der Ex-Studienkollege und Journalist, der wie ein Katalysator von außen in die festgefahrene familiäre Gemengelage kommt, fühlt sich sichtbar unwohl und gar nicht sicher in seiner Haut. Aber auch er kommt – wie alle anderen – hier erstmal nicht wieder weg.

Wir haben ein Zimmer geteilt.
Jetzt bewohnen wir zwei Welten.

Ewald Palmetshofer hat Hauptmanns Erstling von Sozial- und Lokalkolorit befreit und in die Gegenwart geholt. Das überwindet Distanzen, kappt der Geschichte aber auch ein wenig arg die Wurzeln. Ein Eindruck, der sich noch verstärkt, weil der Autor mit seinem neuen Setting vom rechtem Populismus, Globalisierung, Vergangenheitsbewältigung, Depressionen, Alkoholsucht, Lebenslügen und Einsamkeit so ziemlich alles an Themen streift, aber keinen wirklichen Kern zu finden scheint.

Vor Sonnenaufgang am Schauspiel Bonn © Thilo Beu
Vor Sonnenaufgang am Schauspiel Bonn © Thilo Beu

Im Gegensatz zu Regisseur Sascha Hawemann, der sich vollends auf die Figuren und ihre Schmerzpunkte konzentriert. Satz um Satz, Dialog um Dialog, Facette um Facette formen sich die Charaktere, wobei das Wesentliche immer zwischen den Zeilen aufscheint: Etwa bei Ursula Grossenbacher, die ihre blondperückte Ich-bin-die-Anni mit einer übertriebenen heile-Welt-Fröhlichkeit ausstattet, die blitzschnell in ätzende Vorwürfe und verzweifelte Übergriffigkeit umschlagen kann. Bei Christoph Gummert, dessen alternder Krause die eigene Verletzlichkeit nie gut genug hinter Suff und Sonnenbrillencoolness versteckt. Bei Lena Geyer, die den Grund des Unglückes ihrer Martha eigentlich bis zum Schluss nur erahnen lässt (und einen großartig-atemlosen Kind-Frau-Monolog hält). Bei Daniel Stock (spielerisch immer ein klein wenig ‚drüber‘) und Holger Kraft (spielerisch oft ein klein wenig ‚drunter‘), bei denen man auch nicht so recht weiß, was im gemeinsamen Studierzimmer vorgefallen ist. Nur, dass. Und nicht zuletzt bei Sophie Basse, im Stück eigentlich die jüngere, hier passend als ältere Schwester besetzt. Denn ihre Helene scheint den anderen in Sachen Verbitterung ein ganzes Stück voraus zu sein. Wie sie dabei immer auch einen Hauch Hoffnung und Mut mitschwingen lässt, ist sehr berührend.

Wir sind nicht nur empirisch.
Lass uns doch wieder utopisch sein!

Manche Szenen wirken fast boulevardesk, oder besser: sie erinnern konträrfaszinierend an Unterschichtsfernsehen im Aufsteigermiljö. Läge nicht ein großer Ernst über – oder besser unter – allem, der sich in vermeintlichen Nebensächlichkeiten Bahn bricht und einen dann eiskalt erwischt. Etwa wenn der Vater bei der gemeinsamen Dia-Show mit der Tochter aus der Erinnerung an glückliche Kindertage ganz beiläufig übergriffig wird. Oder wenn Martha ihren Thomas bittet, sie in den Arm zu nehmen und festzuhalten, er aber nach einigem Zögern nur ihren Babybauch umfasst.

Man könnte meinen, da ist an Unsympathen so ziemlich alles auf der Bühne versammelt. Aber Hawemann und die Spieler schaffen immer wieder Momente, in denen aus dem sezierenden und entlarvenden Blick ein liebevoller und teilnehmender und dabei klar wird, dass jeder an dieser familiären Endstation sein Päckchen zu tragen hat. Man denke nur an die innige Szene, in der sich Alfred und Helene ganz behutsam eine Zigarette teilen.  Was uns im Besonderen noch dazu fast zehn Jahre zurückbeamt: auf die Leipziger Centraltheaterbühne, in Die Nacht, die Lichter.

Manchmal wünscht man, der Staplerfahrer aus eben jener Inszenierung möge alle Elenden am Ende tröstlich einsammeln. Oder zumindest der Bär durch die Szenerie stapfen und das Kammertrauerspiel einmal durchbrechen. Aber der hockt hier nur als todtrauriges Kindertagegeborgenheits-Überbleibsel stumm und anklagend in diesem doch recht spröden Abend, der fordend ist in seiner Konsequenz, dabei aber nicht ohne Zartheit und auch nicht ohne Komik und einige im Halse steckengebliebene Lacher bereithält: über dieses Leben, das immer so arg unbarmherzig auf Wünsche, Träume und Hoffnungen prallt und diejenigen, die das über sich ergehen lassen.

Weil aber ja jeder auch irgendwie selbst schuld ist am eigenen Elend, woher rührt dann diese Unfähigkeit, etwas zu ändern? Und mindestens in dieser Frage weist der Abend weit über den vermeintlich privaten Rahmen hinaus. Denn vergiftet ist ja gerade nicht nur das Miteinander in der Familie Krause.


» Vor Sonnenaufgang
von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann. Regie Sascha Hawemann. Bühne Wolf Gutjahr. Kostüme Ines Burisch. Licht Sirko Lamprecht. Dramaturgie Carmen Wolfram. Regieassistenz Max Schaufuß. Mit Christoph Gummert, Ursula Grossenbacher, Sophie Basse, Lena Geyer, Daniel Stock, Holger Kraft und Timo Kählert.

Wieder am: 27. Dezember 2019 und 11. Januar 2020
Schauspiel Bonn

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