bier bleibt bier und bonn ist nicht weimar – robert borgmann zieht am berliner ensemble in den krieg

Ein Stück, das eigentlich drei Stücke ist, ein Abend aus drei komplett unterschiedlichen Teilen: Am Berliner Ensemble läuft schon eine Weile Robert Borgmanns Inszenierung Krieg von Rainald Goetz. Wir sind nun auch in die Schlacht gezogen und fanden sie größenwahnsinnig, überfordernd, unlesbar, erschöpfend, über die Maßen bild- und sprachgewaltig. Und diese wunderbaren, irren Schauspieler!

Krieg, Berliner Ensemble © Julian Röder

Krieg, Berliner Ensemble © Julian Röder

Jetzt glotzt nicht so romantisch! scheint das Spiel vor dem Spiel zu rufen. Bei vollem Saallicht wird die Ikone der deutschen Romantik, Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer von einem Riesenpinsel in Kinderhänden blutrotschwarz übermalt. Das Gemälde aber selbst ist nur Schein. Langsam verblasst die Videoprojektion, dann zerreißen, zerbrechen, zerfetzen die Spieler die Leinwand selbst, bis nur noch das hölzerne Gerüst steht.

Mit dem Zertrümmern der schönen Kunst, der urdeutschen Tradition, des individuellen Blickes also beginnt der Abend, der eine hoffnungslose Überforderung, ein Bilder-, Schauspieler- und nicht zuletzt ein Sprachfest ist und in seiner Assoziationsfülle bei gleichzeitiger Lesbarkeitsverweigerung Zuschauer, Zuhörer und Mitdenkenwoller bisweilen schon arg auf die Probe stellt.

Heiliger Krieg

Und da treten sie auf, im fliegenden Szenenwechsel, die Geister der Bonner Republik. Goetz fährt eine ganze Batterie sprachlicher Flakgeschütze auf und zielt anno 1986 treffsicher auf die in die Jahre gekommene BRD und ihre satten Bürger. Kohl, Tschernobyl, Harald Juhnke und Bubi Scholz, Aids und Irakkrieg, Friedensmärsche und Anti-Atomkraft-Demos. Heiner Müller und Stockhausen. Stammtisch und Stammheim.

Was damals als gemeinsamer, gesellschaftlicher Background im Theatersaal funktionierte, macht es dem heutigen Zuschauer mit etwas zu kurz geratener Ostbiographie etwas schwer. Ist das da jetzt der Heidegger, der mit der Hannah A. …? Wer trinkt hier ständig mit wem Bier und über welche Helga darf nicht gesprochen werden? Hilft alles nix, wir müssen uns wohl oder übel vom verstehen-wollen-Ansatz lösen, um uns in der universellen Bilderflut und im großartigen Spiel verlieren zu können.

Da klagt der mündische Börscher über die gemeine Welt, dort hagelt’s Theaterselbstverständnis-Befragungen, da zielt Amor mit Pfeil und Bogen und nach dem Auftritt blondperückter Schönheitsköniginnen (Lauter Miss Verständnisse!) wird live on stage ein Stahlhelm geboren. Blutrote Masken, Schreibtischtätermonologe. Der Mensch ist Dreck? Eine Eiterbeule auf der Welt? Macht nüscht, erstmal ein Bier! Nach dem dritten knallt dann auch der bierseligste Wirtshausgast soldatisch-zackig die Hacken.

Blutrot ist keine Farbe

Kaum ein Moment zum Atemholen und dazu Bilder Bilder Bilder: Die Plane, die den Bühnenboden bedeckte, wird gen Bühnenhimmel gezogen und türmt die Leinwandreste und Requisitenteile in slow motion zur Weltbildtrümmer-Endmoräne. Darüber auf dem Vorhang Video-Projektionen. Aschekrümel? Nein, da krabbelt es wie in einem Ameisenhaufen. Dann fällt auch dieser Vorhang.

Aus dem wirklich grandiosen, sich lustvoll wund spielenden Ensemble stechen zwei ein wenig hervor: Das ist zum einen Stefanie Reinsperger, die uns ihren Monolog über den befreiten Menschen und die befreite Frau wie eine rohe Naturgewalt hemmungslos um die Ohren haut. Und Constanze Becker im Latex-Rosen-Reifrock mit einem rhythmischen Wortstakkato aus der schwarzen, dreckigen Tiefe irgendwo zwischen stampfend-tanzenden Berghain-Club-Leibern und hämmernden Stahlstadt-Metropolis-Maschinenmenschen.

Krieg, Berliner Ensemble © Julian Röder

Krieg, Berliner Ensemble © Julian Röder

Über ihr ein ewig kreisendes, drohendes Neonröhren-Irgendwas. Eine Uhr? Ein Spinnennetz? Ein Plattenspieler, der wieder und wieder dasselbe Lied spielt? Theatermenschenskinder! Bald brennt zumindest verbal die Bühne lichterloh. Das ist Punk, ein Wortkrieg mit Frontverlauf direkt im Zuschauerkopf. Ein Bombardement mit Begriffen, Rhythmen, Bildern, Licht und Schatten. Bähm! Nehmt das! Und endet zur Pause vorm Vorhang mit einer wunderbaren Liebeserklärung an das Theater. Ach, du Eiterbeule Mensch in deiner herrlichen, falschen Kunstblase!

Schlachten

Nach kurzer Erholungspause ein radikaler Bruch. Oder besser: eine Fokussierung in Text, Sujet und Bühnensituation. Vom weiten Bühnen- und Denkraum „Welt“ verengt sich der Blick in Schlachten auf das Schlachtfeld Familie. Aus wilder, furioser Überforderung wird konzentriertes Kammerspiel. Wir sehen den großartigen Gerrit Jansen, der als Historienmaler mit jahrelang gepflegter Zeichenblockade seine Familie schikaniert und von selbiger schließlich ins Irrenhaus verfrachtet wird. Ein Familien-General mit Mickey-Mouse-Händen, ein Spieß, dessen Gesellen sich in innerfamiliären Grabenkämpfen zitternd aber stolz gegen ihn wenden. Seine hassliebenden Nonnen-Töchter mit den winzigen Puppenhändchen singen Hands up, Baby Hands up und das Neonröhrenweltenrad dreht sich jetzt wie eine unbarmherzige OP-Lampe über dem Krankenbett.

Kolik

Aber noch weiter verengt, fokussiert sich der Blick – in Teil drei ist nur noch EIN Mensch übrig. Aljoscha Stadelmann der in unendlicher Bühnenschwärze in einem zu engen Glaskasten hockt und langsam, aber unaufhaltsam die Sprache verliert. Aus Sätzen werden Worte, aus Worten Silben, ein Wollen und nicht Können, durchbrochen von zahllosen Blackouts, die Bühne und Zuschauerraum kurz ins komplette Dunkel, ins Nichts stürzen.

Ich … Wort … Tod … Stirb … Stille.

Nach gut vier Stunden dann endgültig Licht aus, Black. Applaus. Wir kämpfen uns ziemlich geplättet, aber froh aus dem Theaterschützengraben in die laue Nacht. Prost, ihr Penner! Wir kommen wieder, in diesem Abend gibt es noch so unglaublich viel zu entdecken!


Krieg am » Berliner Ensemble
Von Rainald Goetz. Regie und Bühne Robert Borgmann. Kostüme: Bettina Werner. Licht und Video Carsten Rüger. Musik Rashad Becker. Mit Constanze Becker, Ingo Hülsmann, Gerrit Jansen, Annika Meier, Stefanie Reinsperger, Veit Schubert und Aljoscha Stadelmann.

Nächste Schlacht am 28. Juni 2018