Die stillen Trabanten | Deutsches Theater Berlin

zum sterben zu viel – petras mit clemens meyers kurzgeschichten am dt

Die Stillen Trabanten © Arno Declair

Die Stillen Trabanten © Arno Declair

Die endlosen, öden Nächte zwischen knisterndem Funkgerät und Runden drehen im Objekt 95 beginnt Peter Kurth mit einer ausführlichen, fast rituellen Beuteltee-Koch-Pantomime. Vorher Händewaschen. Dann ein Stück Zucker. Nein: zwei, drei, … vier. Rühren. Weiterrühren.

Die 12 hört …

Der Mann aus Clemens Meyers erster Erzählung im Storyband Die stillen Trabanten ist alt geworden im Dienst beim Sicherheitsdienst. Sein Hund auch. Nur Hüfte hatte der schon immer. Erinnert sich der Alte an früher, übernimmt Božidar Kocevski als 20 Jahre jüngeres Alter-Ego die Bühne. Trifft noch einmal das russische Mädchen, die Hoffnung auf Nähe und ein kleines bisschen Liebe. Und verliert beides wieder.

Sechs Miniaturen stellt Regisseur Armin Petras auf die Drehbühne zwischen fünf ebenfalls drehbare Holzwände in Baummarktoptik. Allesamt Erzählungen von Clemens Meyer, fünf aus den erwähnten Stillen Trabanten, eine aus Die Nacht, die Lichter. Besser gesagt, er reiht sie aneinander. Denn einen dramaturgischen Bogen, eine übergeordnete Idee, die aus der Szenenfolge einen wirklichen Kosmos machen würde, sucht man an diesem Abend vergebens.

Meyers Figuren sind Nachtmenschen. Imbissbetreiber, Putzfrauen, Bahnhofsfriseurinnen: am Rand der Gesellschaft, unsichtbar und doch präsent. Menschen, die es irgendwie nicht so richtig auf die Reihe gekriegt haben, die mal ein schweres Päckchen, mal nur schwer an sich selbst zu tragen haben. Die wie Trabanten um das eigentliche, das gute Leben kreisen. Unfähig, ihre Umlaufbahn zu verlassen. Die aber trotzdem oder gerade deshalb ab und zu hell aufleuchten. Um dann einfach wieder zu verschwinden.

 

Die Stillen Trabanten © Arno Declair

Die Stillen Trabanten © Arno Declair

Diese Meyer-Menschen lebendig auf die Bühne zu bringen, gelingt zum Beispiel, wenn der Sicherheitsdienst-Mitarbeiter seinem jüngeren Ich aus dem Halbdunkel des Bühnenrandes zuschaut. Oder wenn der Lokführer, den ein „Schienen-Suizid“ aus den Gleisen wirft, wieder als kleiner junger Junge vor seiner Oma sitzt und um eine Spielzeugeisenbahn bittet. Beide Male mit sparsamsten Mitteln aber ganzer Seele: Peter Kurth. Oder wenn aus einem Kirschkern spätnachts in der Bahnhofskneipe eine matt schimmernde Perle wird. Leise, intensiv und berührend. Momente in der Schwebe, in denen man mehr ahnt als man weiß, in denen Dinge offen bleiben dürfen, ja: müssen.

Aber die sind rar. Denn solcherart Uneindeutigkeiten sind des Regisseurs Sache – zumindest in dieser Produktion – nicht. Da wird das Treffen der zwei Frauen in der Bahnhofsnacht, in der sich zwei Menschen näherkommen, die mit dem Näherkommen an sich eigentlich schon abgeschlossen haben, auf die eindeutig homoerotische Ebene gehoben. Da erstickt der falsche Enkel die Oma mit einem Kissen, wo sich in der Erzählung nur kurz seine Oberarmmuskeln anspannen. Petras setzt immer wieder auf nur eine, unmissverständliche Interpretation.

 

Die Stillen Trabanten © Arno Declair

Die Stillen Trabanten © Arno Declair

Worauf er dabei auf jeden Fall setzen kann, ist sein Ensemble: Peter Kurth ist wie oben schon erwähnt, eine Idealbesetzung. Katrin Wichmann spielt ihre Zugreinigerin als liebenswerten Irrwisch zwischen schlurfender Trostlosigkeit und beinahe schon zu übermütig ausbrechender Lebenslust, Anja Schneider touchiert ihre Friseurin Birgitt hübsch-schräg und angesächselt und Božidar Kocevski kann nicht nur Ganzkörperexklusiv-Bodyschutz, sondern zappt sich auch als lebendes Fernsehgerät im Eiltempo durch die Programme von Tierfilm bis Porno.

So ganz bei Meyer sind aber auch die gelungenen Szenen nicht. In den anderen überwiegen Klamauk und Überdrehtheiten. Da steckt Anja Schneider als Großmutter in der Lokführergeschichte im silbrigen Pailetten-Abendkleid und unterbricht sich permanent selbst mit hysterischem Lachen. Da wird wild an den Wänden gedreht und aus diversen Sportmatten plus übergroßem Salatblatt ein Steaksandwich gebaut. Bei manchen dieser szenischen Umsetzungen fühlt man sich in die 90er Jahre zurückgebeamt – ohne Berührungspunkte zur Meyerschen Trabanten-Umlaufbahn.

 

Die Stillen Trabanten © Arno Declair

Die Stillen Trabanten © Arno Declair

Zu selten gelingt es, spielerisch Tiefe herzustellen. Eine Fallhöhe, zu der dann der feine, fast überirdisch schöne Gesang von Miles Perkins einen Kontrapunkt setzen könnte.

Do you feel a little broken?

… fragt der am Klavier und zu seinem Kontrabass-Spiel auf leerer Bühne rieselt später leise der Schnee. Was ein poetischer Schmerzmoment sein könnte, wirkt so aufgesetzt und kratzt arg an der Kitschgrenze. Geradezu ärgerlich dann die letzte, die titelgebende Geschichte vom deutschen Imbissbesitzer und seinen islamischen Nachbarn. Die gerät – jedwede Zartheit und Ambivalenz der Vorlage tilgend – zu einer diffusen, übergriffigen Szenerie zwischen (a)religiösen Vorurteilen und #metoo.

Was bei Meyer zwischen den Zeilen steht, als eine Möglichkeit daherkommt, wird auf der Bühne zur Gewissheit. Das nimmt den Geschichten den Raum, die Luft, die Poesie. Es schafft eine Enge, in der ab und an zwar auch ein paar Bühnenmomente, vor allem aber Clemens Meyers Texte selbst leuchten – wie stille Trabanten.


» Die stillen Trabanten
Von Clemens Meyer. Regie Armin Petras. Bühne Olaf Altmann. Kostüme Patricia Talacko. Musik Miles Perkin. Licht Thomas Langguth. Mit Alexander Khuon, Maike Knirsch, Božidar Kocevski, Peter Kurth, Anja Schneider und Katrin Wichmann.

Wieder am 24. und 29. November sowie am 3., 22. und 29. Dezember 2018, Deutsches Theater Berlin