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no god in the sky? büchners lenz im raster

Büchners Lenz ist ein Borderliner, den Getriebener, Hypersensibler, bei dem Lebensmut unmittelbar in tiefste Verzweiflung, ja in unerträgliche Leere umschlagen kann. Der rastlos ist und doch Halt sucht. Der, in sich selbst gefangen, nicht aus der eigenen Isolation auszubrechen vermag. An der Schaubühne Lindenfels versucht René Reinhardt in einer Mischung aus Sprache, Tanz, Musik und Sound in Büchners Textfragment und die Gedankenwelt des Protagonisten einzutauchen.

was tust du denn gerade, alter mann?

Gen Ende sitzt Edgar Selges Lear nur im Unterhemd in dem Chaos, das er selber angerichtet hat. Klein scheint die Bühne da, beengt von Wänden und erdrückt von der Decke, fast zu klein für all die Zerstörung, Trauer, Wahnsinn und Tod darauf. Am Anfang hat dieser König eben jene Bühne abgeschritten, sich bedacht an den Wänden entlang getastet und so sein Reich vermessen, das er unter den drei Töchtern aufzuteilen gedachte. Am Schluss wird er es wieder tun und jeder seiner Mitspieler, den er passiert, wird leblos zu Boden sinken.

ich hätte das nicht gut gemacht mit der normalität

„Ich fass‘ es nicht“ sagt SIE, während sie eine Zigarette aus der Handtasche holt und gleich wieder wegsteckt. Die ersten vier Worte, nachdem ER sich vor 20 Jahren bei Nacht und Nebel aus dem Staub gemacht hat. Alt sind sie beide geworden in dieser Zeit, das Leben hat Spuren hinterlassen – tiefere allemal als bei manch anderen. Als Sie und Er feierten Barbara Trommer und Burkhard Damrau am Donnerstag Wiedersehen und Premiere in der Nato.

ein traum, was sonst? philipp preuss macht aus kleists homburg einen überwältigenden bilderzauber

Inmitten lichter Nebelschwaden tollt ein junges, verliebtes Paar über die leere Bühne – sich zärtlich neckend, sich übermütig umgarnend. Leicht und vergnügt wirkt das, und doch scheint über allem ein seltsam dunkler Schatten zu liegen: denn zwischen hin- und hergeworfenen, verspielten Liebesschwüren brennt auch ein Dorf im Krieg lichterloh, der Vorhang öffnet und schließt sich vielfach und bedrohlich und immer wieder sinken die beiden, in jungfräuliches Weiss gekleideten Liebenden sanft in die schwarze Umarmung eines hier sechzehnarmigen Todes.

wisst ihr, was das bedeutet?

Da wird ein langgeplantes Gastspiel zum Vorsprechen für eine ganze Stadt: Der designierte Schauspieldirektor der Volksbühne Thorleifur Örn Arnarsson hat sich am Osterwochenende – nur ein paar Tage nach der Vorstellung der kommenden Spielzeit – mit seiner Inszenierung „Die Edda“ vom Schauspiel Hannover an der Berliner Volksbühne vorgestellt. Wir sind neugierig hingefahren und haben einen Abend gesehen, in dem zwischen hehrem Pathos, allerhand Sagenhaften und derben Theateralbernheiten so ziemlich alles drinsteckt.

mit vollem einsatz: zwei teufel für einen insel-faust

Die Insel Hiddensee hat den Status einer Künstlerinsel. Wer sie besucht hat, kann die Spuren der Vergangenheit kaum übersehen. Gerhart Hauptmann, Walter Felsenstein oder Gret Palucca waren hier, um nur mal ein paar Namen zu nennen, die für den Theaterfreund von besonderem Interesse sind. Doch es gibt auch lebendiges Theater auf der Insel – die Seebühne Hiddensee.

zwei aus elf: furioses lofft-eröffnungsprogramm auf der spinnerei

Ein nigelnagelneues Theater: Das LOFFT hat in Halle Sieben der Spinnerei ein neues Zuhause gefunden und feiert das noch bis Ende des Monats mit OPEN! NOW!, einem internationalen Eröffnungsfestival. Wir haben uns zu zwei der elf Shows tief in den Westen begeben und ein sehr lohnendes Kontrastprogramm erlebt: Zwei Abende, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Einer (fast) ohne Worte und viel Bewegung (Losers Cirque Company, Prag) und einer nur aus Sprache im leeren Raum der Imagination (Iggy Lond Malmborg, Malmö).

forever young? no chance, wayne.

Fünf weiße Ballons hängen dann und wann am Bühnenhimmel – über dem Geschehen schwebende Projektionsflächen, in denen die Spielergesichter – ihren Rollen durchaus angemessen – hübsch verzerrt erscheinen. Zu den Bilder passen die Stimmen der Spieler – von leicht verzerrt über hysterisch bis zu absolut schrill, wenn Brian Völkner am Piano Forever Young a-toniert. Als Mischung aus schrägem Filmset und bösem Zirkus der Eitelkeiten haben Claudia Bauer und Team (Bühne: Andreas Auerbach) Tennessee Williams‘ Süßer Vogel Jugend auf die Leipziger Schauspielhaus-Bühne gestellt – und lassen – wer hätte anderes erwartet – keine heile Feder an ihm.