IGGY - Lust for Life | Schauspiel Hannover

just for one day – sascha hawemanns furioses iggy-bowie-doppel am schauspiel hannover

Über allem: der Dark Star. Nur durch winziger Löcher schießt er helle Strahlen über die düstere, theatervernebelte Bühne. Aber innen drin brennt es gleißend hell. Ein schönes erstes Bild für Sascha Hawemanns Abend über die Berliner Jahre von Iggy Pop und David Bowie. Denn auch das, was in deren Geschichte dunkel, brüchig und (selbst)zerstörerisch ist, birgt drinnen ein großes Leuchten, eine Strahlkraft, die auch noch 40 Jahre später wirkt.

 

Iggy – Lust for Life © Katrin Ribbe

Aus dem Dunkel taucht er auf und wird in den nächsten gut zwei Stunden meist stumm aber sehr präsent und mit großer Ruhelosigkeit durch die Szenen geistern: Hagen Oechel als alter Iggy, halblanges blondes Haar und zäh-lederner Oberkörper, von dem jeder Millimeter tausend Geschichten erzählt. Man reibt sich die Augen – er könnte es tatsächlich sein. Tim Golla an der Musik schickt die ersten rauen Töne in den Saal und die Bühne von Alexander Wolf zeigt schon mal, was sie kann: Gleich mehrere Ebenen werden da hoch und wieder herunter gefahren, drehen sich ineinander: die Künstlerbude in Berlin Schöneberg, die Katakomben des U-Bahnhofes Kleiststraße, die Hansa-Studios mit Blick auf die Berliner Mauer und die NVA-Grenzer, der Dschungel-Club, Heiner Müllers Wohnzimmer …

 

Iggy – Lust For Life © Katrin Ribbe

Iggy – Lust For Life © Katrin Ribbe

Und genauso vielschichtig wie die Bühne entfaltet sich dieser Abend. Und macht gleich klar, dass er kein leicht konsumierbares, Lazarus-likes Best-of, kein Tribute-Konzert, kein Musical sein will, auch wenn er die ersten Schritte zum von Carolin Haupt wunderbar interpretierten Space Oddity geht.

I’m stepping through the door
And I’m floating in a most peculiar way
And the stars look very different today

Nein, dieser Abend aus der Feder von Sascha Hawemann und Johannes Kirsten will und kann viel mehr. „IGGY – Lust for Life“ nach dem gleichnamigen Berliner Album des Ausnahmekünstlers, der nach dem Stooges-Aus und aus der Drogenspirale 1976 ausgerechnet nach Westberlin flieht, erschafft gleich mal eine ganze, un-heile Punk-Welt auf der Bühne des Schauspiel Hannover.

 

Iggy – Lust For Life © Katrin Ribbe

Iggy – Lust For Life © Katrin Ribbe

Als ersten klugen Kunstgriff splittet er sein Sujet auf und erzählt von ganz unterschiedlichen Iggy Pops. Von Iggy, dem Bühnenberserker. Vom Alles-oder-nichts-Iggy. Von cholerischen, koksenden, minderjährige Groupies vögelnden, die fucking pricks beschimpfenden Iggys. Aber eben auch vom verlorenen, suchenden und an sich selbst zweifelnden Jim Osterberg. Jakob Benkhofer, Jonas Steglich und Silvester von Hösslin sind die jüngeren Ausgaben der Punk-Ikone. Die sind im schönen Kontrast zum alten Haudegen schon rein körperlich viel weicher und verletzlicher: In diese Körper kann und wird sich das Leben erst noch einschreiben.

So let’s take a ride and see what’s mine

Dazu spielt Carolin Haupt wunderschön fragil und gleichzeitig hochenergetisch und kraftvoll einen Bowie zwischen Sinn- oder mehr noch: Erfolgssuche, der von Clubkultur bis zu Albert Speers Naziästhetik alles in sich aufzusaugen scheint. Gleichzeitig leuchtende Kunstfigur und Freund, eine Art Mentor, der Iggy losschickt, den Sound dieser Stadt zu finden. Die dritte im Bunde der Berlin-Eroberer ist die Iggy-Freundin und Fotografin Esther Friedman. Sarah Franke spielt die junge Frau: sehr tough, immer die Kamera im Anschlag. Aber sie lässt durch die coole Punkfassade aber immer auch alte Versehrtheiten und neue Verletzungen durchscheinen. Here we go: Das Dream-Punk-Team Börlinn auf dem U-Bahn-Ride zwischen Ost und West, Checkpoint Charlie und Tierpark, endlosen Clubnächten und Museumsbesuchen, Wannsee und Studio-Sessions, Leberwurst und Bier.

 

Iggy – Lust For Life © Katrin Ribbe

Iggy – Lust For Life © Katrin Ribbe

Die Drehbühne kreißt und gebiert dazu immer neue Berlin-Bilder: Menschen, Straßen, Clubs, Braunbären, Nazis, Stricher, Stummfilm: ein Kosmos aus Normalität und Exzess, Gestern und Heute, Fassade und Dreck, Drogentrips und unendlicher Gier nach dem echten, dem unfertigen Leben. Ein schwarz-weiss-buntes Wimmelbild aus Geschichte und Gegenwart, das meilenweit über die Iggy-Pop-Story hinaus und bis zu uns ins Heute weist. Denn die Geister, mit denen wir kämpfen, sind dieselben geblieben.

Ein Teil greift dabei ins andere, schlägt Funken und sucht die neuralgischen Punkte. Da streiten Otto Dix und Georg Grosz über die Darstellung des Krieges in der Kunst (nicht nur in diesen beiden Rollen sehr genial: Henning Hartmann). Da steht Thomas Brasch (Silvester von Hösslin) mit Plastiktüten in den Händen und hängenden Schultern so unbehaust wie trotzig in seiner neuen Westberliner Wohnung. Eine Etage höher tigert ein Dichter mit dem originellen Namen Müller durch sein Wohnzimmer und schimpft auf die Frühgeburt Sozialismus. Ernst Toller wird gerufen, Nosferatu und Goebbels, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, und Heinrich Kleist, natürlich. Zylinder und Stahlhelm, Teewurststulle mit Gurke, Dschungel und Stadt, Moloch, Metropolis und Erbsensuppe für 50 Pfennig.

Ich lebe am Mikro
und jemand
verwest im Zuschauerraum

Es ist eine irre Freude, in diesem Wimmelbild zu suchen, zu finden, sich treiben zu lassen. Noch ein Dreh, die nächste Geschichte, eine neue Assoziation, ein unverhoffter Gedanken-Clash. Die Ränder sind brüchig und zersplittert und an den scharfe Kanten kann man sich durchaus schneiden. Wenn diesem Abend überhaupt etwas vorzuwerfen ist, dann ist das diese Überfülle, das kein Ende (oder: viele Enden) finden. Aber meint Punk nicht genau das? Immer alles und alles jetzt?

Tim Golla hält das Ganze kongenial musikalisch zusammen. Die Song-Arrangements sind wunderbar austariert zwischen rough und fragil und lassen den Spielern viel eigenen Raum. Überhaupt, dieses herrliche Ensemble! Wenn sie gerade keine Szene haben, verstärken sie die Band am linken Bühnenrand und sind mit einer Energie und einer Lust for Life am Werke, der man sich nicht entziehen kann.

Hier ist ein Roh-Diamant aus dem Bergwerk der (Musik)Geschichte gehauen, der hart, unfertig und ungeschliffen bleiben muss und darf und dafür umso dunkler funkelt. Ein alle Rezeptoren überfordernder Trip auf der Suche nach Wahrheit, nein, nach Wahrhaftigkeit, nach dem unbedingten Jetzt und damit nach der einzig möglichen Ewigkeit. We see the stars come out tonight.


» IGGY – Lust for Life
Text Sascha Hawemann und Johannes Kirsten. Regie Sascha Hawemann. Bühne Alexander Wolf. Kostüme Ines Burisch. Musikalische Leitung & Live-Musik Tim Golla. Video Clemens Walter. Mit Jakob Benkhofer, Sarah Franke, Henning Hartmann, Carolin Haupt, Silvester von Hösslin, Hagen Oechel und Jonas Steglich

NEXT SHOWS an Silvester (18 und 21 Uhr) und am  4., 13. und 24. Januar