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erinnern kann ich mich nicht – palmetshofers unverheiratete als kammer- und sprachspiel in der diskothek

Die Frau, die hier in der dunklen Bühnenmitte auf einem Stuhl sitzt, ist jung. Aber auch sehr alt. Von einzelnen Spots wird sie in warmes Licht getaucht, beide Füße sind fest nebeneinander auf den Boden gepresst, als würden sie ihre verlorenen Wurzeln suchen. Marie Rathscheck ist die alte-junge Unverheiratete in Ewald Palmetshofers gleichnamigen Stück, das Ilario Rascher für zwei Aufführungen als ziemlich intensives Kammer-Sprachspiel und konsequente Innensicht auf die Diskotheksbühne gebracht hat.

brennt lichterloh! abschied am schauspiel hannover

Das erste Mal waren wir 2012 am Schauspiel Hannover, als Hagen Oechel die Welt seiner Eltern in sich auferstehen ließ – seine erste Bühnentat als neues Ensemblemitglied. Nun endet nach 10 Jahren mit der Intendanz Lars Ole Walburgs schon so etwas wie eine Ära – geprägt vor allem von einem einmaligen, ideenreichen, übermütigen, spielfreudigen Ensemble mit einer ungeheuren Energie, mit Mut, Neugier und einer großen Liebe für das Theater und für einander.

14 jahr im kalten regen der langeweile – ostermeiers hedda gabler an der schaubühne

Interessant wäre bei diesem Abend ja, zu sehen, wie Spieler (und Spiel) sich über die lange Zeit verändert haben. Denn Thomas Ostermeiers Hedda-Gabler-Inszenierung ist seit fast 14 Jahren im Spielplan. Leider waren wir damals nicht in der Premiere und so fehlt der Vergleich. Aber a) ist es ein recht sehenswerter Schauspielerabend und b) werden Texte with Lars Eidinger in it immer so gut geklickt ;-) – deshalb hier ein paar Worte zur Hedda, die nach all der Zeit noch recht frisch rüberkommt.

mensch oder laus? düsteres oratorium kollektiver menschheitsverbrechen

Nicht von ungefähr bedient sich der neue Sebastian-Hartmann-Abend am Dresdner Schauspielhaus der Dostojewski-Übersetzung Swetlana Geiers, die Verbrechen und Strafe heißt und nicht Schuld und Sühne. Verschiebt sich doch schon durch die Begrifflichkeit der Denk- und Spielraum vom Moralisch-Persönlichen aufs gesellschaftliche Ganze und fragt nach einer kollektiven Ethik anstatt nach individueller Schuld.

no god in the sky? büchners lenz im raster

Büchners Lenz ist ein Borderliner, den Getriebener, Hypersensibler, bei dem Lebensmut unmittelbar in tiefste Verzweiflung, ja in unerträgliche Leere umschlagen kann. Der rastlos ist und doch Halt sucht. Der, in sich selbst gefangen, nicht aus der eigenen Isolation auszubrechen vermag. An der Schaubühne Lindenfels versucht René Reinhardt in einer Mischung aus Sprache, Tanz, Musik und Sound in Büchners Textfragment und die Gedankenwelt des Protagonisten einzutauchen.