Faust I+II | Enrico Lübbe, Schauspiel Leipzig

üb immer treu und red nicht rein oder: fünf fäuste für ein halleluja

Diesem Anfang wohnt bereits das Ende inne. Auf der Bühne kreist eine große Scheibe, daneben, auf den Seitenbühnen, warten Stuhlreihen im Gegenlicht auf ihre Be-Sitzer. Nebelschwaden ziehen. Wie gegen den eigenen Lebenslauf rennt der alte, der heimgekehrte Faust Runde um Runde an, strauchelt, steht wieder auf … Vier Kinder springen, marschieren, necken ihn. Aus dem Off ertönt dazu ein heller, aber doch Schaudern machender Abzählreim-Singsang.

 

Faust © Rolf Arnold

Faust © Rolf Arnold

Weiter, weiter …

Düster und atmosphärisch dicht ist der Auftakt des Faust-„Events“ auf der großen Bühne. Wie nur weiter? Ein 26-köpfiger Chor tritt auf und zelebriert ein von deutschen Mark- .. ähm … Merksprüchen durchsetztes, anspruchsvoll-atonales Stakkato des Osterspaziergangs. Wieder und wieder stört Famulus Wagner (Tilo Krügel) den Faust in der Gedankenschwere des Studierzimmers auf. Bald markiert streng-rhythmisches Stampfen und fatalistisches Biertrinken das Volksfest.

Der Mensch braucht ein Plätzchen
Und wär’s noch so klein

Vom Faust-Text bleiben hier nur sinnfällige Versatzstücke, gewissermaßen Leit(kultur)Motive, die mannigfach variiert, wiederholt und verzerrt werden. Wie eine Oper scheint der Regisseur diesen ersten Teil des Abends durchkomponieren zu wollen und setzt dabei auf Variation und Vervielfachung. Da tritt der wissbegierig-nervige Erstsemester-Student sechsfach auf (schön frisch und äußerst sympathisch: die Herren des neuen Schauspielstudios), zum Tratsch am Brunnen treffen sich gleich -zig Gretchen. Und in Faustens Brust wohnen – ach – nicht nur zwei Seelen, nein, er legt eine fünffache Persönlichkeitsspaltung hin.Die optisch schön gedachte Videoumsetzung dieser Aufspaltung geht leider im Farbrausch unter.

 

Faust © Rolf Arnold

© Rolf Arnold

Mangel, Schuld, Not und Sorge heißen die vier treibenden Geister, die Fasut selbst gebiert. Die Teufelsaustreibung hat schon stattgefunden. Mephisto ist gestrichen und damit leider auch das verführende, böse, schillernde Element. Hier wohnt alles Widerstreitende und -strebende dem Manne selbst inne. Was man aber kaum sieht, denn Wenzel Banneyer präsentiert uns meist nur jenen Faust, dem alle Freud entrissen ist, der wie ein Hund so nicht länger leben kann.

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Das zu zeigen, gelingt in einigen Szenen gut, etwa wenn Banneyer die Studierzimmer-Klage hervorwürgt – von den klingenden Vokalen befreit wie die Bäche im Frühling vom Eise. Zu oft aber ist es ein blasses, ein merkwürdig selbstgebremstes Spiel, das vom großen inneren Drama nur die tiefe Depression einer ordentlichen Midlife-Crisis übrig lässt.

So recht will sich dieser Faust schon im ersten Teil nicht zu einem Ganzen fügen. Der Chor hat schöne Momente – die Gretchens, die sich mit dem Brunnen-Karussell langsam drehen. Oder das erwähnte dumpf-düstere Volksfest, das selbst in der Belustigung die unerträgliche Enge dieser Gemeinschaft zeigt. Einer Dorfgemeinde, die jenen nie und nimmer verzeihen kann, die den Ausbruch wagen, von dem die anderen nur träumen. Oft aber herrscht nur übergroßes Gewimmel nebst Stühlerücken auf der Bühne.

 

Faust © Rolf Arnold

Faust © Rolf Arnold

Der Seitenlicht-Spot auf die sich hebende und senkende (Welten)Scheibe gibt fürs erste ein starkes Bild – nutzt sich aber auch rasch ab. Es ist eben die meiste Zeit recht dunkel in diesem Faust und das Licht kommt von links. Ziemlich fett die große Scheibe selbst und ihr Gegenstück – ein riesiger LED-Kreis, der drohend über ihr schwebt. Die Videos darauf – von der Faust-Aufspaltung, über bunt erblühende Hibiskusblüten bis zum sich selbst auslöschenden Goethe-Text – bleiben in ihrer Gesamtheit aber zu beliebig, um volle ästhetische Kraft zu entfalten.

Versprich mir, Heinrich …

Die einprägsamsten Szenen dieser ersten beiden Bühnenstunden gehören vor allem einer Schauspielerin. Julia Preuß ist es, die mit ihrem überaus toughen, fast übermütigen, mal frivolen aber immer auch ahnungsvollen Gretchen eine atemberaubende Fallhöhe herzustellen weiß. Und das nicht nur, weil sie sich – Halt suchend nach ihrem ‚Sündenfall‘ – ganz oben an die nun fast aufrecht stehende Drehscheibe klammert. Keine Klage, eine Anklage! Da hat sie uns ganz und gar. Unten verschmelzen derweil in einer angedeuteten Orgie die Körper der Choristen und wiederholen, lang nachdem alle Versprechen gebrochen sind, wieder und wieder Gretchens inständiges Versprich mir! Der stärkste Moment des Abends.

 

Faust © Rolf Arnold

Faust © Rolf Arnold

Der nun leider verpufft, denn nach der recht langen Pause folgt ein reichlich seltsames Leipziger Puppenkisten-Spiel. Drei Goethe-Puppen disputieren bei einem Gläschen Wein über die Faust-Idee. Das Publikum lacht dankbar, bekommt auch was zu trinken und freut sich noch mehr. Um richtig schräg zu sein, ist das – trotz feiner Komik und hübscher Selbstironie vor allem bei Tilo Krügel – um einiges zu harmlos. Ein Intermezzo, das nicht viel mehr zu wollen scheint, als zum dritten Teil des Abends, den Thementouren überzuleiten.

Denn die drei Goethes machen, wer hätt’s gedacht,  schnell Geld, Schöpfung und Landgewinnung als zentrale Faust II-Themen aus. Um die geht es im Folgendem auch: im Expertengespräch in der Handelsbörse, zu der ein Audiowalk mit Infos zu Stadt- und Finanzgeschichte führt; im Alten Hörsaal des Uniklinikums, wo mit Videoeinspielern Reproduktionsmedizin und Künstlicher Intelligenz nachgespürt wird (wozu ein eigener Homunkulus aus Fimo geformt werden darf). Und im Völkerschlachtdenkmal, wo man etwas zu den Umsiedungs-Schicksalen durch den Braunkohletagebau in der Region hört. Alles nicht unspannend und auch nicht unklug, mit kleinen und größeren Erkenntnisgewinnen und vielfach auch diskussionsanregend. Aber von der Umsetzung her eben eines nicht: Theater.

 

Faust © Rolf Arnold

Faust © Rolf Arnold

Zurück im selbigen geht es übergangslos weiter mit dem endlos im Kreis strauchelnden Faust auf seiner Drehscheibe. Nun sind wir wirklich am Ende von Faust II angekommen und hören noch gut 40 Minuten handwerklich solide gesprochenen Goethe-Text. Dazu ertönen Kirchenglocken und Choräle vom Rang und von einzelnen SängerInnen inmitten des Publikums (was mehr als dezent an Philipp Preuss Peer Gynt erinnert und das ist nicht das einzige Deja-Vu des Abends). In Kraft und Lebendigkeit erinnert Teil vier aber leider mehr an ein Einser-Deutsch-Abitur, als an Drama, Baby! und großen Schluss-Aufschlag auf der großen Bühne.

Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.

Was soll man sagen über diesen Faust? Da stecken gute Ideen drin, Energie, ein paar wirklich starke Bilder und eine berührende, verstörende Margarete. Doch wollen sich die einzelnen Teile nicht zu einem großen Ganzen verbinden. Zu viel Verschiedenes scheint gewollt, durch den Mangel an Konzentration geht die Schlagkraft mehr und mehr verloren. Kratzt man an der Faust-I-Oberfläche, kommt so viel mehr nicht zum Vorschein und manch starke gestalterische Setzung nutzt sich ab zur bloßen Dekoration. Zum Augenblicke möcht‘ ich sagen: Da geht noch mehr. Also:

Weiter, weiter …


» Faust I+II
Regie Enrico Lübbe. Bühne Etienne Pluss. Kostüme Sabine Blickenstorfer. Video fettFilm. Musik & Chor Peer Baierlein. Choreographie Stefan Haufe. Produktionsleitung Themen-Touren  Maximilian Grafe. Licht Ralf Riechert. Mit Wenzel Banneyer, Thomas Braungardt, Alina-Katharin Heipe, Denis Petković, Bettina Schmidt,
Julia Preuß, Tilo Krügel, Andreas Dyszewski, Nicole Widera, Nina Wolf, Tobias Amoriello, Ron Helbig, Julian Kluge, Philipp Staschull, Friedrich Steinlein, Paul Trempnau und dem FAUST-Chor.

Die nächsten Vorstellungen am 5., 6., 20. und 21. Oktober sind bereits ausverkauft, für den 2. November gibt es noch Restkarten. Danach gibt es Faust I OHNE Faust II und zwar am 1. und 21. Dezember und am 24. Januar 2019