die kabale der scheinheiligen. das leben des herrn moliere an der volksbühne

Im September beginnt an der Berliner Volksbühne die 25. und zugleich letzte Spielzeit der Intendanz von Frank Castorf. Es gibt wohl nur wenige Intendanten, die ein Theater so lange geleitet haben (der Leipziger Karl Kayser gehört übrigens dazu). Der bevorstehende Wechsel an der Volksbühne hat vielerorts zu Unruhe geführt, auch an der Volksbühne selbst, wo große Teile der Belegschaft nach dem ersten Zusammentreffen mit dem kommenden Intendanten Chris Dercon einen offenen Brief geschrieben haben. Natürlich weiß niemand, was Dercon bringen wird, aber Zweifel sollten erlaubt sein, ob es für den Kulturstaatssekretär Tim Renner dereinst ein Ruhmesblatt sein wird, die Ära Castorf beendet zu haben.

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volksbühnenbesuch: martin wuttke und birgit minichmayr in castorfs „judith“

Eine Castorf-Premiere jagt die andere. In den nachtkritik-Charts steht zwar immer noch Sebastian Hartmanns „Berlin-Alexanderplatz“ auf Platz eins, nun aber dicht gefolgt von Castorfs neuester Tat an der Volksbühne: „Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn Moliere“. Doch reihesiebenmitte kann leider nicht bei jeder Premiere dabei sein und muss nun erst einmal eine Betrachtung zur vorletzten Castorf-Produktion an der Volksbühne nachholen.

Zu Jahresbeginn hatte „Judith“ Premiere, ein Drama aus dem 19. Jahrhundert von Friedrich Hebbel und damit schon etwas Besonderes für den in letzter Zeit vor allem auf Romanvorlagen spezialisierten Regisseur. Die Kritiken waren im Januar sehr widersprüchlich. Während man zum einen lesen konnte, diesmal hätte Castorf zur Pause Schluss machen sollen, schrieben andere, dass man in der zweiten Hälfte für das Ertragen der ersten belohnt worden wäre. Da bleibt dem Theaterfreund nichts anderes übrig, als selbst nach Berlin zu fahren, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können.

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kurz reclamiert: die iphigenie aus oberhausen

Gastspiele können eine Ergänzung des Repertoires eines Stadttheaters sein, können den Spielplan bereichern, Abwechslung bringen und ungewohnte Regiehandschriften zeigen. Beispiele dafür hat es in den letzten Jahren auch in Leipzig mehrfach gegeben.

Iphigenie aus Oberhausen © Andrea Engelke

Iphigenie aus Oberhausen © Andrea Engelke

Die „Iphigenie auf Tauris“ aus Oberhausen (in Leipzig am 26. und 27.4.2016) erfüllt diesen Anspruch leider nicht. Parallel zu diesem Gastspiel zeigt das Schauspiel Leipzig in Oberhausen „Antigone“ und das ist ein durchaus passender Tausch, nicht nur, weil in beiden Stücken antike Themen behandelt werden. Die Oberhausener Arbeit passt sehr genau in das Konzept der Leipziger großen Bühne, klassische Texte in Inszenierungen zu zeigen, die sich nur auf den Text konzentrieren. (Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es mittlerweile ein paar Ausnahmen von dieser Regel gibt, zum Glück.)

Regie hat Sarantos Zervoulakos geführt, der sich hier in Leipzig vor zwei Jahren mit einer „Hedda Gabler“ vorgestellt hat. Die Iphigenie ist allerdings eine frühere Arbeit, Premiere war im Februar 2011, die Inszenierung ist in Oberhausen bereits abgespielt. Es gibt eine Parallele zu „Hedda Gabler“ – auf der Bühne dominiert ein großes Sofa. Das wichtigste Bühnenelement außer den Sitzmöbeln sind Unmengen an gelben Reclam-Heftchen, die den Hintergrund der Bühne vollständig bedecken. Ein Schelm, wer dabei daran denkt, daß „Iphigenie“ ja Schullesestoff ist …

Die Schauspieler, die natürlich ihren Text tadellos aufsagen, sitzen dazu nicht nur auf Sofa und Sesseln, ab und an stehen sie auch auf und es gibt sogar ein paar Interaktionen zwischen ihnen. Offen bleibt die Frage, warum der Regisseur den Text auf die Bühne gebracht hat. Um dem Schüler und anderen Goethefreunden den Text in knapp 80 Minuten gut verdaulich zu präsentieren? Würde da nicht auch die Hörbuchvariante reichen? Ja, ich sehe ein, es gibt Theaterfreunde, die solche Inszenierungen schätzen. In Leipzig scheinen es aber nicht sehr viele zu sein, denn am ersten Abend des Gastspiels blieben doch etliche Plätze leer.


» Iphigenie auf Tauris, Theater Oberhausen
Noch einmal heute Abend, 19:30 Uhr, Große Bühne.